Essayfrage: Lernen – Konditionierung

Autor:in

Nicolas Rothen

Frage

Was sind die primären Komponenten der klassischen Konditionierung? Wie findet dabei Lernen statt?

Musterlösung

Bei der klassischen Konditionierung handelt es sich um eine Lernprozedur, bei welcher ein neutraler Reiz (z.B. Glocke), der wiederholt mit einem antwort-auslösenden Reiz (z.B. Fleischpulver) gekoppelt wird, plötzlich selbst diese Antwort auslöst (z.B. Speichelfluss). Die klassische Konditionierung wird dem nicht-deklarativen Gedächtnis zugeordnet. Sie hat ihre Ursprünge in den Experimenten von Pavlov (1927). Pavlov hat den Speichelreflex bei Hunden experimentell untersucht, nachdem er festgestellt hatte, dass die Ankunft des Experimentators bei den Hunden Speichelfluss auslöste. Dabei fand er heraus, dass ein Glockenton den Speichelfluss von Hunden anregt, wenn zuvor der Glockenton mehrmals zusammen mit Fleischpulver dargeboten wurde. Das heisst, Lernen findet statt, wenn ein neutraler Reiz wiederholt mit einem Reflex (z.B. Speichelfluss) gepaart wird und infolgedessen der neutrale Reiz selbst den Reflex auslösen kann.

Ein klassisches Konditionierungsparadigma besteht somit aus folgenden Komponenten:

  • Einem unkonditionierten Reiz (z.B. Fleischpulver) der eine unkonditionierte Reaktion (z.B. Speichelfluss) auslöst. Beide Reize sind unkonditioniert, weil kein Lernen involviert ist.
  • Einem neutralen Reiz (z.B. Glockenton) der keine Reaktion auslöst. Während des Lernens wird der neutrale Reiz konsistent mit dem unkonditionierten Reiz gepaart.
  • Über die Zeit assoziiert der Organismus den neutralen Reiz mit der unkonditionierten Reaktion. Infolgedessen reagiert der Organismus auf die Präsentation des neutralen Reizes mit der unkonditionierten Reaktion. Das heisst, der ehemals neutrale Reiz wurde zum konditionierten Reiz (z.B. Glockenton) und die ehemals unkonditionierte Reaktion wurde zur konditionierten Reaktion (z.B. Speichelfluss) als Antwort auf den konditionierten Reiz.

Klassische Konditionierungsparadigmen, wie sie im Labor durchgeführt werden, bestehen gewöhnlich aus folgenden drei Phasen: Habituationsphase: Dabei werden verschiedene neutrale Reize gezeigt und die Reaktion der Versuchspersonen darauf gemessen. Die Reaktionen auf die Reize werden dabei als Baseline betrachtet. Konditionierungsphase: In dieser Phase unkonditionierte Reiz wiederholt mit einem der neutralen Reize gekoppelt. Zwischenzeitlich wird der neutrale Reiz in seiner Funktion als konditionierter Reiz dargeboten (d.h., ohne den unkonditionierten Reiz), um die konditionierte Reaktion zu messen. Extinktionsphase: In dieser Phase wird der konditionierte Reiz so lange dargeboten, bis keine konditionierte Reaktion mehr darauf folgt.

Eine Studie von Bechara et al. (1995) illustriert dieses Vorgehen. In der Habituationsphase wurden den Versuchspersonen Quadrate in verschiedenen Farben (rot, blau, grün, gelb) in zufälliger Reihenfolge präsentiert. In der Konditionierungsphase wurden die Quadrate mit einer bestimmten Farbe (blau) immer wieder mit einem lauten Ton gekoppelt. Dabei hat der Ton eine Schreckreaktion hervorgerufen. Die Wiederholte Darbietung des Tones mit Quadraten in einer bestimmten Farbe (blau) hatte zur Folge, dass die Quadrate in der bestimmten Farbe mit der Schreckreaktion assoziiert wurden und diese auch ohne Ton auslösen konnten. Da die Quadrate in den anderen Farben weiterhin präsentiert wurden, aber nie mit dem Ton gekoppelt wurden, wurden die Quadrate in den anderen Farben (rot, grün, gelb) nie mit dem Ton assoziiert und konnten folglich auch keine Schreckreaktion auslösen. In der Extinktionsphase wurden erneut Quadrate in der bestimmten Farbe dargeboten, um die schreckauslösende Reaktion auf die Quadrate in der bestimmten Farbe zu löschen. Als abhängige Variable wurde in diesem Experiment die Hautleitfähigkeit gemessen, welche aufgrund von physiologischen Erregungszuständen (z.B. Schreckreaktion) ansteigt. Patienten mit Amygdalaläsionen zeigten keine Schreckreizkonditionierung, konnten aber die Prozedur beschreiben. Bei Hippocampuspatienten war es umgekehrt. Daraus lässt sich schliessen, dass die Amagdala für Furchtreaktionen zentral ist, nicht aber für episodisches Gedächtnis und dass der Hippocampus für episodisches Gedächtnis zentral ist, nicht aber für Furchtreaktionen.