Essayfrage: Lernen – Explizit vs Implizit
Frage
Was sind die Hauptunterschiede zwischen implizitem und explizitem Gedächtnis?
Musterlösung
Es gibt verschiedene Arten von Lernen und diese werden von unterschiedlichen Gedächtnissystemen gestützt. Dabei kann zwischen explizitem und implizitem Gedächtnis unterschieden werden. Von explizitem Gedächtnis spricht man, wenn wir uns intentional an Informationen oder Erlebnisse erinnern. Von implizitem Gedächtnis spricht man bei indirekten Lernnachweisen im Sinne von Verhaltensänderungen.
Explizites Gedächtnis wird mit direkten Gedächtnistests erhoben, d.h. experimentelle Aufgaben, bei denen die Versuchspersonen instruiert werden, Inhalte aus einer vorangehenden Lernphase abzurufen. Beispiele für direkte Gedächtnistests sind: freier Abruf (eng. free recall; z.B. freies Abrufen von Wörtern die in einer vorangegangen Lernphase gezeigt wurden), Abruf mit Hinweisreiz (eng. cued recall; z.B. Ergänzen von Wortstämmen mit Wörtern die in einer vorangegangenen Lernphase gezeigt wurden) und Wiedererkennen (eng. recognition; z.B. Entscheidung, ob ein gezeigtes Wort in einer vorangehenden Lernphase bereits gezeigt wurde, oder ob das Wort «neu» ist). Explizites Gedächtnis wird vor allem mit dem medialen Temporallappen (Hippocampus) in Verbindung gebracht.
Implizites Gedächtnis wird mit indirekten Gedächtnistests erhoben, d.h. experimentelle Aufgaben, bei denen die Versuchspersonen nicht instruiert werden, Inhalte aus einer vorangehende Lernphase zu erinnern. Das heisst, in der Testphase wird kein expliziter Bezug zur Lernphase hergestellt. Beispiele für indirekte Gedächtnistests sind: klassische Konditionierung (eng. classical conditioning; ein neutraler Reiz wird mit einem unbedingten Reiz, der zu einer unbedingten Reaktion führt, gekoppelt, wobei neutrale Reiz zum bedingten Reiz wird und eine bedingte Reaktion – die unbedingte Reaktion auf den unbedingten Reiz – hervorruft), Wiederholte Bahnung (eng. repetition priming; die Verarbeitung eines Reizes wird durch die vorangehende Verarbeitung des gleichen Reizes vereinfacht), prozedurales Lernen (eng. procedural learning; Optimierung von kognitiven Prozessen und / oder Bewegungsabfolge auf Grund vorangehender Ausführungen). Die klassische Konditionierung im Rahmen der Furchtkonditionierung vor allem der Amygdala zugeschrieben. Die wiederholte Bahnung wird vor allem perzeptuellen Kortexregionen zugeschrieben und die konzeptuelle Bahnung vor allem höheren semantischen Hirnregionen. Prozedurales Lernen wird vor allem mit den Basalganglien in Verbindung gebracht.
Evidenz für die Unabhängigkeit des expliziten und impliziten Gedächtnisses beruht auf Studien mit amnestischen Patienten, welche ein stark beeinträchtigte explizite Gedächtnisleistung (Amnesie) zeigen und ein normales Lernverhalten bei impliziten Gedächtnisaufgaben (z.B. prozeduralen Lernaufgaben) zeigen. Überzeugende Evidenz im Sinne einer doppelten Dissoziation beruht einer Studie von Bechara et al. (1995). Dabei wurde eine Kontrollgruppe, ein Patient mit bilateraler Hippocampusläsion, ein Patient mit bilateraler Amygdalaläsion und ein Patient mit bilateraler Amygdala und Hippocampusläsion im Rahmen einer Furchtkonditionierung getestet. Die Kontrollgruppe konnte die Prozedur beschreiben (d.h. welcher neutrale Reiz mit dem Schreckerzeugenden Reiz gekoppelt wurde) und zeigte eine konditionierte Schreckreaktion. Der Patient mit der Amygdalaläsion konnte die Prozedur beschreiben, zeigte aber keine konditionierte Schreckreaktion. Der Patient mit der Hippocampusläsion konnte die Prozedur nicht beschreiben (Amnesie), zeigte aber eine konditionierte Schreckreaktion. Der Patient mit der Hippocampus- und Amygdalaläsion konnte weder die Prozedur beschreiben, noch zeigte er eine konditionierte Schreckreaktion.