Essayfrage: Arbeitsgedächtnis – Modelle
Frage
Was sind die Hauptunterschiede zwischen Baddeley und Hitch’s Multikomponenten-Modell (multicomponent model) und Cowan’s Zugang der eingebetteten Prozesse (embedded processes approach)?
Musterlösung
Der Hauptunterschied zwischen Baddeley und Hitch’s Multikomponenten Modell und Cowan’s Zugang der eingebetteten Prozesse unterscheiden sich Hauptsächlich darin, dass das Multikomponenten Modell einen Ansatz von unten nach oben (bottom-up) und der Zugang der eingebetteten Prozesse einen Ansatz von oben nach unten verfolgt. So ist der zentrale Fokus des Multikomponenten Modell von Baddeley und Hitch die Speicherung von Information. Der zentrale Fokus des Zugangs der eingebetteten Prozesse liegt in der Aufmerksamkeit.
Das Multikomponenten Modell besteht dementsprechend aus folgenden Komponenten: Der phonologischen Schleife zur kurzfristigen Speicherung von phonologischer Information (z.B. Sprache, Musik, Geräusche…), dem visuell-räumlichen Notizblock zur kurzfristigen Speicherung visuell-räumlicher Information (Farbe, Form, Berührung…) und dem episodischen Puffer, einer Art multidimensionaler Repräsentationsraum (z.B. Integration von Information aus phonologischer Schleife und visuell-räumlichem Notizblock) als Bindeglied zum Langzeitgedächtnis (z.B. Bildung von Einheiten [engl. Chunks] wie der kurzfristigen Aufrechterhaltung eines ganzen Satzes). Die Aufmerksamkeitssteuerung und Koordination der verschiedenen Komponenten geschieht über die zentrale Exekutive. Die zentrale Exekutive übernimmt vor allem dann die Kontrolle, wenn nicht kognitive Operationen nicht über gewohnheitsmässige Muster abgespielt werden können.
Das Modell der eingebetteten Prozesse betrachtet Arbeitsgedächtnis als «kognitive Prozesse, welche Informationen in einem ungewöhnlich zugänglichen Zustand aufrechterhalten» (Cowan, 1999, p. 62). Entsprechend diesem Modell ist Arbeitsgedächtnis etwas, das im Langzeitgedächtnis passiert und durch Aufmerksamkeitsprozesse kontrolliert wird. Die Aktivierung ist somit zeitlich beschränkt und zerfällt, insofern sie nicht durch aktives verbales Wiederholen oder kontinuierliche Aufmerksamkeit aufrechterhalten wird. Dabei ist die Aktivierung im Langzeitgedächtnis multidimensional (z.B. phonologisch, visuell-räumlich).
Auch wenn die beiden Modelle verschieden konzeptualisiert sind, sind gewisse Ähnlichkeiten erkennbar. So kann z.B. die Repräsentation im episodischen Puffer im Multikomponenten Modell mit der Aktivierung von Langzeitgedächtnisinhalten im Modell der eingebetteten Prozesse verglichen werden. Nichtsdestotrotz ist es letztendlich eine empirische Frage, ob es für die Aufrechterhaltung und Manipulation von Informationen ein separates Modul oder gar ein ganzes System im Sinne eines temporären Speichers ausserhalb es Langzeitgedächtnisses braucht. So hat z.B. das Modell der eingebetteten Prozesse Mühe zu erklären, wie Sequenzen behalten / aktiv repräsentiert werden, wenn sich bestimmte Elemente in der Sequenz wiederholen (d.h., «the problem of two»; Jackendoff, 1992). So müssten die einzelnen wiederholten Elemente im Rahmen von Arbeitsgedächtnisprozessen mehrfach im Langzeitgedächtnis repräsentiert werden, worin sie sich von den verbreiteten Konzepten von Langzeitgedächtnis unterscheiden und somit eine spezielle Art von Langzeitgedächtnisrepräsentationen darstellen. Dementsprechend kann es mehr Sinn machen, ein separates Gedächtnissystem für Arbeitsgedächtnis anzunehmen.