Essayfrage: Abruf – Kontext

Autor:in

Nicolas Rothen

Frage

Was ist Kontext? Welche verschiedenen Arten von Kontext gibt es? Wann spielt Kontext beim Gedächtnisabruf eine Rolle und wann nicht?

Musterlösung

Kontext bezeichnet die Umstände, welche die Gedächtniskodierung und den Gedächtnisabruf begleiten. Dabei werden verschiedene Arten von Kontext unterschieden, die inzidentell – also nebenher und nicht intentional – bei der Gedächtniskodierung eines Ereignisses mitkodiert werden: a) Umwelt, b) Zustand, c) Stimmung und d) Kognition. Beim Gedächtnisabruf kann uns der Kontext beeinflussen, unter welchem die abzurufenden Gedächtnisinhalte kodiert wurden. Dabei spricht man von kontextabhängigem Gedächtnis (vgl. «context dependent memory»).

Umweltabhängiges Gedächtnis bezeichnet den Umstand, dass die Umgebung, in welcher ein Ereignis kodiert wurde, beim Gedächtnisabruf eine Rolle spielen kann. Ein sehr bekannter Befund in dieser Hinsicht stellt die Studie von Gooden und Baddeley (1975) dar. Dabei mussten Taucher Wörter an Land und unter Wasser lernen und an Land und unter Wasser abrufen. Die Resultate zeigten, dass ein kongruenter Lern- und Abrufkontext (d.h. unter Wasser gelernt und abgerufen oder an Land gelernt und abgerufen) zu besseren Abrufleistungen führte als ein inkongruenter Lern- und Abrufkontext (d.h. unter Wasser gelernt und an Land abgerufen oder an Land gelernt und unter Wasser abgerufen).

Zustandsabhängiges Gedächtnis bezeichnet den Umstand, dass der Zustand, in welchem ein Ereignis kodiert wurde, beim Gedächtnisabruf eine Rolle spielen kann. Das Betrifft Zustände unter dem Einfluss von Substanzen (Medikamente, Alkohol und Drogen) ebenso wie physiologische Zustände (Herzrate). Was zum Beispiel auf dem Fahrradergometer unter erhöhter Herzrate gelernt wurde, wird schlechter bei normaler Herzrate abgerufen und umgekehrt. Wenn allerdings die physiologischen Bedingungen zwischen Lern- und Testphase kongruent sind, sind diese Leistungseinbussen beim Abruf nicht zu beobachten (Miles & Hardman, 1998).

Stimmungsabhängiges Gedächtnis bezeichnet den Umstand, dass die Stimmung, in welchem ein Ereignis kodiert wurde, beim Gedächtnisabruf eine Rolle spielen kann. Gedächtnisinhalte, welche unter dem Einfluss positiver Stimmung kodiert wurden, werden besser unter dem Einfluss positiver Stimmung erinnert im Vergleich zur Erinnerung unter dem Einfluss anderer Stimmungslagen. Das gleiche gilt für negative und neutrale Stimmung. (Von stimmungsabhängigem Gedächtnis ist stimmungskongruentes Gedächtnis abzugrenzen. Die Bezeichnung für die Beobachtung, dass vermehrt Gedächtnisinhalte abgerufen werden, die kongruent mit der gegenwärtigen Stimmung sind.)

Vom kognitiven Kontext abhängiges Gedächtnis bezeichnet den Umstand, dass der kognitive Kontext, in welchem ein Ereignis kodiert wurde, beim Gedächtnisabruf eine Rolle spielen kann. Marian und Neisser (2000) konnten bei zweisprachigen Versuchspersonen zeigen, dass beim Abruf autobiographischer Gedächtnisinhalte Inhalte bevorzugt werden, welche im Kontext der Sprache kodiert wurden, in welcher die Inhalte abgerufen werden müssen.

Der Gedächtnisabruf ist vor allem beim freien Abruf («free recall») abhängig vom Kontext, in welchem die abzurufenden Gedächtnisinhalte kodiert wurden, nicht aber beim Wiedererkennen («recognition»). Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass beim freien Abruf neben dem Abrufreiz der Kontext des abzurufenden Ereignisses etabliert werden muss, um das abzurufende Ereignis von anderen ähnlichen Ereignissen abzugrenzen. Damit Sie zum Beispiel abrufen können, was Sie gestern zu Abend gegessen haben, ist es wichtig, dass Sie das gestrige Abendessen vom vorgestrigen und anderen Abendessen abgrenzen können. Dazu müssen Sie neben Abrufreiz den entsprechenden Kontext etablieren. Beim Wiedererkennen ist dies jedoch viel weniger der Fall, da der wieder zu erkennende Reiz bereits viel Kontextinformation mitliefert. Das heisst, der dargebotene Reiz, den es zu erkennen gilt, aktiviert bereits die entsprechende Kontextinformation mit. So fällt es Ihnen zum Beispiel einfacher zu erinnern, ob Sie am Vorabend Reis oder Kartoffeln gegessen haben, wenn die beiden Alternativen präsentiert werden, als wenn Sie im freien Abruf erinnern müssen, was Sie am Vorabend gegessen haben.