Wodurch unterscheidet sich die einfache Dissoziation von der doppelten Dissoziation?
Antwort
Der Fall von Henry Molaison hat gezeigt, dass das episodische Langzeitgedächtnis (LTM) von anderen kognitiven Fähigkeiten, einschliesslich dem Kurzzeitgedächtnis (STM) (Corkin, 2013, nach Baddeley et al., 2025) und allgemeiner Intelligenz getrennt werden kann. Henry Molaison, der unter einer Temporallappenepilepsie litt, zeigte nach chirurgischer Entfernung von Verbindungsstrukturen im Hippocampus eine schwere Beeinträchtigung seines episodischen Langzeitgedächtnisses, während das Kurzzeitgedächtnis, die Intelligenz und die Sprachfähigkeit weitgehend intakt blieben. Laut Baddeley et al. (2025) wird eine solche Trennung als Dissoziation bezeichnet, da das spezifische Defizit von anderen kognitiven Funktionen getrennt oder dissoziiert ist. Demnach ist die Entdeckung einer Dissoziation theoretisch wesentlich aussagekräftiger als eine einfache Korrelation, bei der ein Gedächtnisdefizit ausschliesslich als allgemeine Folge der Hirnschädigung zurückgeführt werden würde.
Damit starke theoretische Schlussfolgerungen aus dem Fall von Molaison gezogen werden können, müssen sie durch ähnliche Fälle, sowie Übereinstimmungen mit dem, was bereits über das normale Gedächtnis bekannt war, gestützt werden. Solche Belege sammelten sich schnell, doch es blieb die Vermutung, dass die kognitiven Tests möglicherweise schwieriger oder anfälliger für Störungen waren als solche, bei denen die Leistung unbeeinträchtigt blieb. In diesem Zusammenhang stellte sich die Frage, ob Aufgaben wie die Ziffernspanne, bei der eine gehörte Zahlenfolge wiedergegeben werden muss, einfach leichter zu lernen sind als Wortlisten. Zur Überprüfung dieser Annahme wurde eine zweite Patientengruppe untersucht, die genau das gegenteilige Muster aufwies, was als doppelte Dissoziation bezeichnet wurde. Der Begriff doppelte Dissoziation wird insbesondere in der Neuropsychologie verwendet, wenn zwei Patientengruppen gegensätzliche Defizitmuster aufweisen, beispielsweise normales Kurzzeitgedächtnis (STM) und beeinträchtigtes Langzeitgedächtnis (LTM) gegenüber normalem LTM und beeinträchtigtem STM (Baddeley et al., 2025). Demnach verfügte die neu hinzugefügte Patientengruppe über ein normales Langzeitgedächtnis, die Personen hatten jedoch ein gestörtes Kurzzeitgedächtnis (Shallice & Warrington, 1970, nach Baddeley et al., 2025). Diese Patienten schienen nicht unter Amnesie zu leiden und konnten Wortlisten lernen, hatten jedoch eine Gedächtnisspanne von zwei statt sechs Ziffern. Dieses Muster liess sich nicht mit einer grösseren Schwierigkeit oder Anfälligkeit einer der beiden Aufgabenarten erklären (Baddeley et al., 2025).

Die Abbildung 1 veranschaulicht eine einfache Dissoziation sowie eine doppelte Dissoziation in der neuropsychologischen Forschung. Die Funktionen X und Y stellen dabei zwei Gedächtnisfunktionen dar, die mit zwei kognitiven Tests gemessen werden. Im oberen Feld sind hypothetische Daten aus einer einfachen Dissoziation dargestellt. Die Grafiken zeigen die Aufgabenleistung einer Kontrollgruppe (ohne Läsion) und von Gruppen mit Läsionen in der Region A (rot) oder Region B (blau). Dabei werden die Leistungen für den Test der Funktion X links und die Leistungen für den Test der Funktion Y rechts aufgeführt. In der oberen Hälfte der Abbildung ist erkennbar, dass eine Schädigung der Region A oder Region B, getrennt für den Test der Funktionen X (links) und Y (rechts) ist. Eine Schädigung der Region A beeinträchtigt demnach die Funktion X (links), nicht jedoch die Funktion Y (rechts). Eine Schädigung der Region B beeinträchtigt keine der beiden Funktionen. Bei der doppelten Dissoziation (unten) beeinträchtigt eine Schädigung der Region A die Funktion X, nicht jedoch die Funktion Y. Eine Schädigung der Region B beeinträchtigt hingegen die Funktion Y, nicht jedoch die Funktion X. Durch die doppelte Dissoziation kann ausgeschlossen werden, dass die für die Funktion Y vorgegebene Aufgabe einfach leichter ist. Dies könnte bei den oberen Daten zutreffen, bei den unteren jedoch nicht (Baddeley et al., 2025).
Zwischen dem phonologischen und dem semantischen Kurzzeitgedächtnis wurden ebenfalls doppelte Dissoziationen dokumentiert (Martin et al., 2020, nach Baddeley et al., 2025), wobei zwar einige Patienten in der Lage waren, Ideen aktiv im Kurzzeitgedächtnis zu behalten, nicht aber Sprachlaute, so wie bei anderen Probanden das Gegenteil der Fall war (Baddeley et al., 2025).
Laut Baddeley et al. (2025) ist der Dissoziationsansatz zwar leistungsfähig, hat jedoch seine Grenzen, insbesondere wenn eine Theorie mehr als einen oder zwei Prozesse beinhaltet. So würde beispielsweise eine dreiteilige Erklärung einer Gedächtnisleistung eine dreifache Dissoziation erfordern.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich eine einfache Dissoziation von der doppelten Dissoziation dadurch unterscheidet, dass sie dann auftritt, wenn eine Person eine Aufgabe A ausführen kann, nicht jedoch Aufgabe B, was wiederum darauf hindeutet, dass diese Aufgaben von unterschiedlichen kognitiven Prozessen oder Gehirnregionen abhängen. Eine doppelte Dissoziation liegt vor, wenn zwei Personen darin gegensätzliche Muster zeigen. Dabei kann die eine Person die Aufgabe A, jedoch nicht die Aufgabe B ausführen, während die andere Person Aufgabe B, nicht jedoch Aufgabe A, bewältigt. Durch diese Gegenüberstellung wird die Unabhängigkeit der Aufgaben belegt und verdeutlicht, dass sie von verschiedenen kognitiven Prozessen und neuronalen Strukturen abhängig sind.
Literaturverzeichnis
Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2025). Memory (4. Aufl.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003453536
Bewertung
Die Frage wurde zufriedenstellend beantwortet und es wurden sinnvolle Beispiele verwendet. Es gibt allerdings einige inhaltliche Punkte, die nicht korrekt angewendet werden. So wird beispielsweise nicht von einem “semantischen Kurzzeitgedächtnis” gesprochen.
Note: 4.75