Inwiefern können Patienten mit Hirnverletzungen zur Frage beitragen, ob es mehrere Gedächtnissysteme gibt? Beschreiben Sie das allgemeine Prinzip und nennen Sie ein konkretes Beispiel.

Kapitel 1
Gedächtnissystem
Läsion

Antwort

Kommt die Fähigkeit ein Fahrrad zu lenken, das Wissen über die Hauptstadt von Frankreich oder die Erinnerung, wie seine Lehrerin in der Primarschule hiess, alles aus dem gleichen Gehirnsystem einer Person oder sind verschiedene Gehirnregionen und neuronale Strukturen für diverse Aufgaben oder Erinnerungen zuständig?

Eine Möglichkeit, diese Frage zu beantworten, ist die Analyse von Personen, die an Amnesie leiden. Bei diesen Personen wurde ein Teil des Gehirns durch Krankheit, Unfall oder einer Operation geschädigt; sie haben eine Gehirnläsion. Bei amnesischen Personen kann die Hirnregion festgelegt werden, die beschädigt oder erkrankt wurde. In gewissen Fällen verliert der Patient oder die Patientin gewisse Erinnerungen, während andere intakt bleiben. Genau diese Personen sind für die Recherche im Bereich Gedächtnis hilfreich. Studien von Patienten/innen mit Hirnverletzungen unterstützen die Theorie, dass Menschen mehrere Gedächtnissysteme haben. Es wird sogar davon ausgegangen, dass das Gedächtnis aus einem Netzwerk aus unterschiedlichen Systemen besteht.

Laut unserem Studienbuch Memory (Baddeley et al., 2025) ist das wohl bekannteste Beispiel der Musiker Clive Wearings, der durch eine Gehirninfektion Teile seines Gedächtnisses verlor. Seine Erinnerung verschwand nach wenigen Sekunden, was das Lesen oder das Fernsehen verunmöglichte. Sprach er einen Satz aus, vergass er den Anfang, bevor er ihn zu Ende gesprochen hatte. In einem BBC- Interview meinte Clive Wearings sogar: «Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, ich hatte noch nie einen Traum oder einen Gedanken.» (Casper, 2007, 2:29). Er hatte zu jedem Zeitpunkt das Gefühl, er hätte in diesem Moment das Bewusstsein wiedererlangt. Er fühlte sich in einem Zustand des permanenten Hier und Jetzt. Aus diesen Gründen war er im Alltag zutiefst eingeschränkt. Im Gegenzug aber konnte er sich an die groben Züge seines früheren Lebens erinnern und hatte seine Gabe zur Musik nicht vergessen und das Klavierspielen nicht verlernt.

Der Fakt, dass Clive Wearings gewisse Aspekte seines früheren Lebens immer noch präsent hatte, sich hingegen an nichts Neues erinnern konnte, zeigt, dass es verschiedene Gedächtnissysteme geben muss. Dass sich das Kurzgedächtnis vom Langzeitgedächtnis unterscheidet. Im Langzeitgedächtnis hingegen scheint die Abtrennung zwischen Intaktheit und Beschädigung des Gedächtnisses nicht überall klar ersichtlich zu sein. Seine unvergessene Gabe zum Klavierspielen zum Beispiel, zeigt, dass sein implizites, nicht deklaratives Gedächtnis funktionsfähig ist. Jedoch scheint das explizite, semantische Gedächtnis verloren gegangen zu sein, da Clive Wearing sich zum Beispiel nicht mehr daran erinnern konnte, wer die Tragödie von Romeo und Julia geschrieben hatte. Sein Faktenwissen ging mit seiner Erkrankung verloren.

Im episodischen Gedächtnis, einem Teil des expliziten Gedächtnisses, ist die Abtrennung zwischen Erinnerung und Vergessen nicht so klar. Der Fakt, dass Clive Wearing sich erinnern konnte, vier Jahre die Universität Cambridge besucht zu haben, spricht für eine intakte Erinnerung. Seine Mitstudierenden dieser Zeit jedoch nicht zu erkennen, spricht dagegen.

All diese Beispiele aus dem Buch Memory (Baddeley et al., 2025) deuten darauf hin, dass man mit einem amnesischen Patienten oder einer amnesischen Patientin gewisse Schlüsse ziehen kann, vieles aber immer noch erforscht werden muss. Eines ist jedoch klar, nämlich dass das Gehirn nicht aus einem einzigen Gedächtnissystem besteht.

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2025). Memory. (4th edition). Routledge.

Casper, H,. (2007). Clive Wearing - The man with no short-term memory. Youtube. https://www.youtube.com/watch?v=Vwigmktix2Y

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Die angeforderte Mindestlänge wurde nicht eingehalten. Dies macht sich auch im fehlenden inhaltlichen Tiefgang in der Beantwortung der Frage bemerkbar. Relevante Inhalte fehlen und Fachbegriffe werden nicht definiert.

Note: 3.75