Was sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von ungewolltem (spontanem) und gewolltem (motivierten) Vergessen? Was für Gründe haben Menschen für motiviertes Vergessen? Welche Faktoren beeinflussen spontanes Vergessen?
Antwort
Das Phänomen des Vergessens ist ein zentraler Gegenstand der Gedächtnisforschung. Vergessen wird als den Prozess verstanden, wie Erinnerungen durch diverse Faktoren weniger zugänglich werden oder ganz verschwinden. Dabei unterscheidet man das ungewollte (spontane) Vergessen und das gewollte (motivierte) Vergessen. Beide dieser Vergessensarten umfassen unterschiedliche Mechanismen und Motive.
Motiviertes und spontanes Vergessen
Spontanes Vergessen beschreibt einen passiven Prozess, welcher ohne bewusste Bemühungen geschieht. Meist beruht diese Art des Vergessens auf natürlichen Gedächtnisprozessen wie Interferenz oder dem Zerfall von Gedächtnisspuren. (Baddeley et al., 2020, S. 285). Motiviertes Vergessen dagegen beschreibt einen aktiven Prozess, welcher eine funktionale Rolle einnehmen kann. Menschen versuchen dabei gezielt, belastende oder unerwünschte Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu entfernen oder deren Abruf zu verhindern. Dies kann bewusst, als Suppression, oder unbewusst, als Repression, geschehen. (Baddeley et al., 2020, S. 317).
Motiviertes und spontanes Vergessen teilen die Gemeinsamkeit, dass sie beide dazu führen, dass Erinnerungen schwerer zugänglich oder vollständig verloren gehen. Sie spielen eine bedeutende Rolle innerhalb des Gedächtnissystems, indem sie zur Aufrechterhaltung emotionaler und kognitiver Stabilität beitragen. Darüber hinaus können beide Arten des Vergessens durch vergleichbare Faktoren wie Stress, emotionale Erfahrungen oder verfügbare kognitive Ressourcen beeinflusst werden (Baddeley et al., 2020, S. 287).
Der grösste Unterschied der beiden Arten liegt in der Absicht hinter dem Vergessen. Während spontanes Vergessen ohne bewusste Kontrolle und daher passiv abläuft, wird motiviertes Vergessen aktiv angestrebt. Untersucht wurde motiviertes Vergessen im „Think/No-Think”-Paradigma. Dabei konnte aufgezeigt werden, dass motiviertes Vergessen kognitive Kontrollprozesse beinhaltet. Die Probanden haben dabei absichtlich nicht an ein bestimmtes Ereignis gedacht, was letztlich dazu führte, dass die Erinnerung durch gezielte Hemmung langfristig abgeschwächt wurde (Baddeley et al., 2020, S. 285). Im Gegensatz dazu basiert spontanes Vergessen oft auf natürliche und passive Prozesse wie dem Ausbleiben von Erinnerungshinweisen oder dem Zerfall von Gedächtnisspuren im Laufe der Zeit hinweg (Baddeley et al., 2020, S. 285).
Gründe für motiviertes Vergessen
Gründe für motiviertes Vergessen umfassen insbesondere die Bewahrung der emotionalen Stabilität sowie die Vermeidung psychischer Belastungen. Durch motivierts Vergessen können Menschen versuchen, belastende Erinnerungen (z. B. an Traumata oder negative Erfahrungen) zu vergessen, um emotionalen Schmerz zu vermeiden und eine mentale Stabilität aufrechtzuerhalten (Baddeley et al., 2020, S. 317). Auch die Erhaltung des Selbstbildes kann ein relevanter Grund für motiviertes Vergessen sein. Dabei werden belastende Erinnerungen (z.B. negatives Feedback), die dem Selbstbild schaden, erhalten, indem sich Personen auf die positiven Seiten der eigenen Identität zu konzentrieren, und negative Aspekte ausblenden (Baddeley et al., 2020, S. 320). Letztlich kann motiviertes Vergessen auch dem zwischenmenschlichen Wohlbefinden dienen. Insbesondere Vergebung kann die Gedächtnisunterdrückung erleichtern, da Menschen leichter dazu bereit sind, negative Erinnerungen an vergebene Taten zu unterdrücken als an unverzeihliche Handlungen (Baddeley et al., 2020, S. 324).
Faktoren für spontanes Vergessen
Es existieren mehrere Ursachen dafür, weshalb spontanes Vergessen stattfindet und wie es beeinflusst wird. Der bekannteste Faktor ist der zeitliche Zerfall. Dieser erklärt, wie Erinnerungen mit der Zeit durch den Zerfall von Gedächtnisspuren verblassen. Die „Trace Decay Theory” unterstreicht diesen Prozess und postuliert, dass Erinnerungen ohne aktive Nutzung und Auffrischung nach und nach verloren gehen (Baddeley et al., 2020, S. 285). Auch Interferenzeffekte spielen eine wichtige Rolle beim spontanen Vergessen. Dabei können alte Informationen mit neuen gespeicherten Informationen konkurrieren und es erschweren, spezifische Erinnerungen abzurufen. Insbesondere wenn die Informationen ähnlich sind, ist eine Interferenz wahrscheinlich. (Baddeley et al., 2020, S. 291). Des Weiteren beeinflusst auch die Kontextabhängigkeit das spontane Vergessen. Kontextabhängigkeit beschreibt die Tendenz, dass sich Erinnerungen leichter Abrufen lassen, wenn der Kontext beim Abruf ähnlich ist wie beim Speichern. Sind zu schwache Kontexthinweise vorhanden, kann dies spontanes Vergessen fördern. (e.g., Polyn, Norman, & Kahana, 2009, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 287). Schliesslich spielt auch der emotionale Einfluss eine wichtige Rolle. Emotional aufgeladene Erinnerungen können besser erhalten werden, da sie die Stärke der Erinnerung beeinflussen und damit den Gedächtnisabruf verbessern können. Neutrale oder wenig bedeutende Erinnerungen unterliegen daher eher dem spontanen Vergessen (Baddeley et al., 2020, S. 287).
Zusammenfassung
Spontanes und gewolltes Vergessen spielen beide eine wichtige Rolle im Gedächtnissystem. Motiviertes Vergessen erfolgt aktiv, wogegen spontanes Vergessen passiv abläuft. Die Ursachen für motiviertes Vergessen liegen oft in der emotionalen Stabilität begründet, während spontane Vergessensprozesse eher von Faktoren wie Zeit, Interferenz und emotionalem Gehalt beeinflusst werden.
Literaturverzeichnis
Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.
Bewertung
Der Text gibt eine gute Übersicht und beschreibt die Unterschiede zwischen den beiden Arten des Vergessens ausführlich. Der Hauptpunkt der Frage - die Gemeinsamkeit zwischen den beiden Arten des Vergessens - wird jedoch nur sehr kurz behandelt. In diesem Bereich könnten mehr Punkte abgebracht werden. Ebenso werden gewisse Inhalte nur oberflächlich beschrieben (z.B. think/no-think Paradigma) oder nicht inhaltlich erläutert (z.B. Was sind Interferenzen?).
Achten Sie auf die korrekte Position der Referenzen sowohl der Regeln bei mehreren Autorinnen. Eine Referenz steht immer am Ende des eigentlichen Satzes und wird nicht in einen eigenen Satz geschrieben. Ab drei Autor*innen wird die Abkürzung et al. genutzt damit nicht alle Personen aufgelistet werden müssen.
Note: 5.25