Grenzen Sie das modale Modell von anderen Modellen zum Arbeitsgedächtnis ab. Nennen Sie dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die Vor- und Nachteile der jeweiligen Modelle.

Kapitel 4
Arbeitsedächtnis. modales-Modell

Antwort

Das modale Modell wurde vorgeschlagen von Atkinson und Shiffrin (1968) und beinhaltet als Grundaussage, dass das Kurzzeitgedächtnis (KZG) als Arbeitsgedächtnis (AG) dient. Das Modell besagt, dass Informationen aus der Umwelt zuerst vom sensorischen Gedächtnissystem verarbeitet wird, welches aus mehreren parallelen Systemen zusammengesetzt ist, beispielsweise dem visuellen, auditorischen und haptischen Gedächtnis. Vom sensorischen Gedächtnissystem werden die Informationen weitergeleitet an das KZG, welches im modalen Modell zwei Funktionen besitzt: Zum einen leitet es Informationen weiter an das Langzeitgedächtnis (LZG), zum anderen dient es auch als AG. In letzterer Funktion dient das KZG als globaler Arbeitsplatz, wo es beispielsweise verantwortlich ist für die Auswahl und Durchführung von Rehearsal-Strategien. (Baddeley, 2020, p. 71).

Ein Problem des modalen Modells ist die Annahme, dass Lernen dadurch sichergestellt wird, indem Items einfach lange genug im KZG gehalten werden. Alternativ dazu führten Craik und Lockhart (1972) das Prinzip der «levels of processing» ein. Dieses Prinzip beinhaltet, dass Lernen nicht durch die reine Zeit des Aufenthalts eines Items im KZG bestimmt wird, sondern von der Art und Weise, wie ein Item verarbeitet wurde. (Baddeley, 2020, p. 71).

Um die Theorie des KZG als alleiniges Arbeitsgedächtnis zu überprüfen, entwickelten Baddeley und Hitch (1974) den sogenannten Doppelaufgaben-Ansatz (Baddeley, 2020, p. 72). Die Idee dahinter ist die, dass wenn das KZG mit einer Aufgabe, hier beispielsweise mit einer Zahlenspanne, ausgelastet wird, keine weiteren Aufgaben möglich sein sollten zu lösen und das System zusammenbricht (Rothen, 2024, p. 6). In den durchgeführten Experimenten zeigte sich jedoch, dass die zusätzlichen Aufgaben trotzdem gelöst werden konnten, auch wenn das KZG mit einer Zahlenspanne komplett ausgelastet war. Der einzige Unterschied bestand darin, dass die Lösungsdauer zunahm, je ausgelasteter das KZG war. Aufgrund dieser Resultate entwickelten Baddeley und Hitch (1974) das Multikomponentenmodell. (Baddeley, 2020, p. 72,73).

Das Modell besteht aus drei Komponenten: der phonologischen Schleife, dem visuell-räumlichen Notizblock sowie der zentralen Exekutive. Die phonologische Schleife ist darauf spezialisiert, akustische bzw. sprachbasierte Items zu behalten (Baddeley, 2020, p. 74) und scheint wichtig für den Sprach- und Grammatikerwerb, fürs Lesen und die Handlungssteuerung zu sein (Rothen, 2024, p. 13). Der visuell-räumliche Notizblock zeigt sich verantwortlich für mentale Operationen, wie das visuelle Vorstellen als Beispiel (Rothen, 2024, p. 14). Das dritte Element, die zentrale Exekutive, ist ein aufmerksamkeitslimitiertes System, welches als Organisator fungiert und Material aus den Subsystemen auswählt und manipuliert (Baddeley, 2020, p. 74).

Das ursprüngliche Modell mit den drei Komponenten hatte einen grossen Nachteil, nämlich die fehlende Verbindung zum LZG. Wie ist es beispielsweise möglich, dass man sich an einen langen Satz mit bis zu 15 Wörter genau erinnert, obwohl die Spanne der phonologischen Schleife nur 5 bis 6 Wörter beträgt? Um diese Probleme zu lösen, schlug Baddeley (2000) den episodischen Puffer als vierte Komponente vor. Dieser ist ein Speichersystem, welches multidimensional ist, also visuell, semantisch und verbal arbeitet, und bis zu vier Chunks von Informationen behalten kann. (Baddeley, 2020, p. 85). Er ist verantwortlich für das Binding, also das Zusammenführen der Informationen verschiedener Subsysteme des AG, des LZG und der Wahrnehmung zu einem kohärenten Bild (Rothen, 2024, p. 21).

Im Vergleich zum modalen Modell kann sich das Multikomponentenmodell von Baddeley und Hitch (1974) mit grundlegenden experimentellen Nachweisen auszeichnen. Das modale Modell ist in seiner Struktur zwar simpel und somit einfach zu verstehen, entspricht aber wohl nicht der Realität, da es bestimmte Sachverhalte nicht erklären kann. Das Multikomponentenmodell dagegen ist kompatibel mit dem grössten Teil der Studien und Theorien zum Thema Arbeitsgedächtnis (Baddeley, 2020, p. 89).

Ein wichtiger Teil des Multikomponentenmodells ist, dass es sich als «bottom-up» versteht, wobei die Aufmerksamkeitskontrolle erst zu einem späteren Zeitpunkt relevant wird. Alternative Erklärungen dagegen sehen die Prozesse rund um das AG als «top-down», wie etwa das folgende Beispiel: Nach dem Prozess-Modell von Nelson Cowan (1999) basiert das AG auf Aktivierungen im LZG und wird kontrolliert und gesteuert von aufmerksamkeitsbasierten Prozessen. Diese Aktivierung wird aufrechterhalten durch verbales Rehearsal oder durch Aufmerksamkeit. Ansonsten ist sie temporär und zerfällt mit fortschreitender Zeit. Das aktivierte LZG ist multidimensional, ähnlich wie beim Multikomponentenmodell. Nach Cowan (1999) ist das AG limitiert in seiner Kapazität, nämlich bis zu vier Chunks zur gleichen Zeit. Cowan basiert seine Theorie auf Untersuchungen der Entwicklung von Gedächtnis in der Kindheit, wohingegen Baddeley sich eher auf neurophysiologische Evidenz stützt. (Baddeley, 2020, p. 89-90). Das Konzept von Baddeley einer zentralen Exekutive verlinkt mit dem episodischen Puffer ähnelt sehr der aufmerksamkeitsbasierten Komponente des aktivierten LZGs bei Cowan.

Ein weiteres Modell zum AG lieferte Randy Engle, welcher mit korrelierten und experimentellen Methoden arbeitete, besonders mit der Gedächtnisspanne. Es zeigte sich, dass diese ein guter Prädiktor für einige kognitive Leistungen ist. Auf diesen Untersuchungen basierend, schlug Engle (1996) vor, dass proaktive Interferenz (PI) die Gedächtnisleistung beeinträchtigen kann. Items, die zu einem früheren Zeitpunkt präsent waren, haben die Tendenz, beim Abruf mit den aktuellen Items zu konkurrieren. Somit wäre die Leistung in kognitiven Aufgaben nicht von der Lernkapazität abhängig, sondern vom Widerstand gegenüber der Interferenz von früheren Items. (Baddeley, 2020, p. 91). Diese Kapazität zum Widerstand gegen die Interferenz zeigt gewisse Ähnlichkeit mit der zentralen Exekutive, wie sie etwa im Multikomponentenmodell vorkommt.Eine Alternative zu Engles Theorie ist die Vermutung von Barouillet, Bernardin und Camos (2004), dass Items nicht durch das Verhindern von Interferenz erhalten bleiben, sondern durch das aktive Rehearsal, also dem «Refreshing», dem Zuwenden der Aufmerksamkeit auf den entsprechenden Gedächtnispfad. Dieser Prozess kann verhindert werden, wenn kompetitive Aufmerksamkeitsaktivitäten durchgeführt werden müssen, welche mit den zu erinnernden Items konkurrieren. Dieser Ansatz wurde «Hypothese des Teilens von Ressourcen» genannt. (Baddeley, 2020, p. 93).

Bei allen Modellen, die auf das modale Modell folgten, gibt es Erfolge bei der Suche nach Evidenz mit experimentellen Methoden. Die Modelle schliessen einander auch nicht unbedingt aus, sondern zeigen die Komplexität des Themengebietes auf und geben Raum für weitere Entwicklungen und Fragestellungen, die zu klären sind. (Baddeley, 2020, p. 90).

Literaturverzeichnis

Baddeley, A. (2020). Working memory. In A. Baddeley, M. W. Eysenck, & M. C. Anderson. Memory (3rd ed.; pp 70-94). Routledge.

Rothen, N. (2024, 07.Oktober). Arbeitsgedächtnis. Fernuni Schweiz. https://moodle.fernuni.ch/pluginfile.php/415460/mod_resource/content/31/pages/Semesterpla n/Arbeitsgedaechtnis/Praesentation/K04_Arbeitsged%C3%A4chtnis.pdf

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Die Frage wurde ansatzweise sehr gut beantwortet. Allerdings muss die Aussage, “dass das Kurzzeitgedächtnis (KZG) als Arbeitsgedächtnis (AG) dient” oder “KZG als alleiniges AG” mit Vorsicht betrachtet werden, da es sich bei KZG und AG um zwei unterschiedliche und voneinander abgegrenzte Konzepte handelt. Aus historischer Perspektive betrachtet wurde das Konzept des AG erst entwickelt, nachdem das Konzept des KZG nicht alle empirischen Befunde erklären konnte. Die Aussage “dass Lernen dadurch sichergestellt wird, indem Items einfach lange genug im KZG gehalten werden” sollte gegenüber der Konzepten von KZG als AG präferiert werden. Des Weiteren ist auch korrekt, dass Atkinson und Shiffrin dem Modalen Modell Eigenschaften zugeschrieben haben, welche dem Arbeitsgedächtnis zugeordnet werden.

Formal sprengt die Arbeit den geforderten Rahmen von maximal 800 Wörtern. Die Länge hätte dadurch kontrolliert werden können, indem primär auf das Arbeitsgedächtnismodell von Baddeley eingeganen wäre und die anderen, wenn überhaupt nur am Rande erwähnt hätte. Quellenangaben sollten innerhalb der Satzstruktur erfolgen und nicht vorgängig mit einem Punkt abgetrennt werden. Mehrere verwendete Quellen sind zudem nicht im Literaturverzeichnis aufzufinden. Weiterhin sollten im Literaturverzeichnis Bücher und Zeitschriften kursiv gesetzt werden. Weitere Informationen können Sie den APA-Richtlinien entnehmen.

Note: 4.75