Wie lassen sich verschiedene Aspekte des visuellen Kurzzeitgedächtnisses unterscheiden? Nennen Sie konkrete Beispiele für die verschiedenen Aspekte und jeweils einen experimentellen Ansatz zu dessen Untersuchung.
Antwort
Das visuelle Kurzzeitgedächtnis lässt sich in zwei Aspekte unterscheiden: den visuellen Aspekt «was» und den räumlichen Aspekt «wo». Man spricht darum auch vom visuell-räumlichen Kurzzeitgedächtnis (Baddeley et al., 2020). Wir befinden uns zum Beispiel in einem gut belichteten uns aber unbekannten Raum und plötzlich geht das Licht aus. Um den finsteren Raum verlassen zu können, aktivieren wir das visuelle «was» die Türe und das räumliche «wo» ist die Türe. Die Evidenz sagt, dass wir während rund 30 Sekunden fähig sind die Türe zu finden (Baddeley et al., 2020). Der visuelle und räumliche Aspekt arbeiten zusammen, trotzdem wurden verschiedenen Untersuchungen entwickelt, den visuellen und den räumlichen Aspekt getrennt zu erforschen und mit geeigneten experimentellen Ansätzen zu untersuchen. Diese Forschungen zeigten auf, dass der visuelle Aspekt «was» vom räumlichen Aspekt «wo» zu trennen ist.
Räumliches «wo» - die Corsi Spanne
Der räumliche Aspekt «wo» wird mit der sogenannten Corsi-Spanne getestet (Baddeley et al., 2020). Neun Blöcke auf einem Tisch oder Brett werden vom Versuchsleiter in einer bestimmten Reihenfolge berührt. Die Aufgabe der gegenübersitzenden Versuchsperson ist es, die gleiche Reihenfolge der Blöcke zu berühren. Die Corsi-Spanne entspricht der in der korrekten Reihenfolge berührte Anzahl Blöcke. Die durchschnittliche Corsi-Spanne beträgt 5 Blöcke (Baddeley et al., 2020), zwei weniger als bei der Zahlenspanne, welche für die Testung der Gedächtnisspanne allgemein eingesetzt wird. Die Blöcke sind auf der Seite des Versuchsleiters mit Zahlen beschriftet und nur durch den Versuchsleiter sichtbar. Diese Beschriftung dient der Überprüfung durch den Versuchsleiter. Würde die
Versuchsperson die Zahlen auch sehen, würde die Versuchsperson sich die Zahlen merken und nicht die räumlichen Positionen. Somit würde nicht das räumliche Gedächtnis getestet, sondern das verbale Kurzzeitgedächtnis.
Visuelles «was» - die Musterpanne
Der visuelle Aspekt «was» wird mit der sogenannten Musterspanne getestet (Baddeley et al., 2020). Dabei werden den Versuchspersonen ein Muster mit quadratischen Feldern von mindestens 2x2 (4 Felder) und so weiter vorgelegt (vgl. Abbildung 2). Einige Felder sind ausgemalt und einige nicht. Die Aufgabe der Versuchsperson ist es, das Muster korrekt wiedergeben zu können. Die durchschnittliche Leistung korrekt nachgemalter Muster liegt bei ca. 16 Feldern (4x4 Felder). Sobald mehr Felder (wie in Abbildung 2 rechts dargestellt) gezeigt werden, steigt die Fehlerrate.

Anmerkung. Aufgabe der Versuchsperson ist, das abgebildete Muster mit oder ohne ausgemalte Felder nachzumalen. Das Muster links besteht aus 4 Felder (2x2) und das Muster rechts aus 30 Felder (6x5.)
Das visuelle Kurzzeitgedächtnis beschränkt sich nicht nur auf die kurze Erinnerung von Mustern, sondern auch auf Formen und Farben. Dies zeigt eine Serie von Studien bei Klauer und Zhao aus dem Jahr 2004 (Baddeley et al., 2020).
Evidenz für die Unterscheidung von visuellem und räumlichem Kurzzeitgedächtnis
Evidenz für die Unterscheidung von visuellem und räumlichen Kurzzeitgedächtnis ergaben verschieden Experimente, welche zwischen Präsentationen von Stimuli und anschliessendem Test untersuchten. Die Tests von Della Sala et al. im Jahr 1999 (Baddeley et al., 2020) ergaben, dass sich die Corsi-Spanne verkleinert, wenn parallel eine weitere räumliche Aufgabe wie z.B. Schlüssel antippen gelöste werden muss. Auf dieselbe Erkenntnis kamen die Forschenden auch bei visuellen Experimenten. Das Merken von Formen wird mehr gestört, wenn gleichzeitig andere visuelle Reize dargeboten werden, als wenn es räumliche Stimuli sind. In den Tests von Klauer und Zhao im Jahr 2004 (Baddeley et al., 2020) mussten die Versuchspersonen für den räumlichen Test die Ortung einen weissen Punkt auf einem schwarzen Hintergrund merken. Für den visuellen Test mussten die Versuchspersonen sich Chinesische Ideographien, für die Versuchsperson unfamiliäre Zeichen, merken. Für die räumliche Störung wurden 12 Sternchen gezeigt, 11 waren starr, eines hat sich bewegt und dieses bewegende Sternchen musste identifiziert werden. Für die visuellen Störung folgten verschiedene Farben bzw. sieben Farben waren identisch z.B. rot und eine Farbe war anders z.B. blau. Die Ergebnisse dieser Tests zeigten, die räumliche Erinnerung an den weissen Punkt wurde durch die Bewegung der Sternchen mehr gestört als durch die Farben und die Chinesischen Ideographien wurden weniger gut erkannt bei der gleichzeitigen Erkennung von Farben als durch die Bewegung der Sternchen. Einfacher ausgedrückt: räumliches Kurzzeitgedächtnis wird mehr gestört durch andere räumliche Aufgaben wie Bewegung als visuelle Stimuli wie Farben. Das visuelle Kurzzeitgedächtnis wie z.B. Erkennen von Mustern wird durch andere visuelle Reize wie Farben mehr gestört als räumliche Stimuli wie Bewegung.
Literaturverzeichnis
Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (Third edition). Routledge, 53-59
Thomson, J. A. (1983). Is continuous visual monitoring necessary in visual-guided locomotion. Journal of Experimental Psychology, 9, 427-433 https://doi.org/10.1037/0096-1523.9.3.427
Della Sala, S., Gray, C., Baddeley, A., Allamano, N., & Wilson, L. (1999). Pattern span: A tool for unwelding visuo-spatial memory. Neuropsychologia, 37, 1189-1199. https://doi.org/10.1016/S0028-3932(98)00159-6
Klauer, K. C., & Zhao, Z. (2004). Double dissociations in visual and spatial short-term memory. Journal of Experimental Psychology: General, 133, 355-381. https://psycnet.apa.org/doi/10.1037/0096-3445.133.3.355
Bewertung
Der Text ist sehr gut geglieder und beantwortet die Frage zufriedenstellend. Zwei formelle Fehler sind aufgefallen. Erstens, stimmt die Nummerierung der Abbildung nicht (“Abbildung 2” obwohl nur eine Abbildung verwendet wurde). Zweitens, wurde das Memory-Buch im Literaturverzeichnis nicht kursiv gesetzt.
Am Ende des Textes würde eine kurze Zusammenfassung die Übersicht erleichtern. Indem Sie alle Aspekte, welche Sie beschrieben haben, noch einmal zusammenfassen, lässt sich das gelesene besser einordnen.
Note: 5.5