Wodurch lassen sich die beiden Begriffe Kurzzeitgedächtnis und Arbeitsgedächtnis voneinander abgrenzen? Beschreiben Sie für jeden Begriff eine experimentelle Aufgabe, die zu dessen Untersuchung herangezogen werden kann.

Kapitel 3
Kurzzeitgedächtnis
Arbeitsgedächtnis

Antwort

Das Kurzzeitgedächtnis bezeichnet den Teil des Gedächtnisses, der eine kleine Menge an Information über eine kurze Zeitspanne behält. Zum Beispiel wird eine Abfolge von Ziffern, Buchstaben oder Wörtern gehört oder gelesen und gleich danach oder mit einer nur kurzen Verzögerung wiedergegeben. Dabei ist die Menge der Information beschränkt. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle, zum Beispiel lassen sich ähnlich klingende Worte schlechter erinnern als Worte, deren Klang distinktiver ist. Bekannte Informationen, zum Beispiel Ziffern oder Worte in einer bekannten Sprache, werden auch besser erinnert als unbekannte Informationen. Ebenso spielt die Länge von Worten eine Rolle. Hier scheint es, dass es weniger auf die Anzahl der Worte ankommt als auf die Zeit, die man braucht, die Worte zu lesen. Informationen, die sich gruppieren lassen (chunking), können auch in grösserer Menge erinnert werden. Ein Beispiel ist das Erinnern von Telefonnummern in Gruppen von zwei bis drei Ziffern.

Im Arbeitsgedächtnis wird die Information nicht nur behalten, sondern auch bearbeitet und manipuliert. Somit ermöglicht das Arbeitsgedächtnis komplexe kognitive Leistungen wie Lernen und Verstehen. Das Arbeitsgedächtnis besteht dabei aus verschiedenen Komponenten. Einerseits Komponenten, die verbal-auditive und visuell-räumliche Informationen speichern und abrufen, andererseits Komponenten, die exekutive Funktionen haben, indem sie zum Beispiel die Aufmerksamkeit steuern. Auch das Arbeitsgedächtnis ist in seiner Kapazität beschränkt.

Das Kurzzeitgedächtnis erinnert Informationen nur, ohne sie zu bearbeiten. Damit gehört das System des Kurzzeitgedächtnisses zum übergeordneten System des Arbeitsgedächtnisses.

Ein typisches Experiment zur Untersuchung des Kurzzeitgedächtnisses ist das Testen der Ziffernspanne. Der Lehrer John Jacobs erfand diesen Test bereits 1887, um die Fähigkeiten seiner Schüler zu testen (Jacobs, 1887, zit. nach Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C., 2020, S. 41). Dabei lesen oder hören die Versuchspersonen eine Abfolge von Ziffern, die sie danach wiedergeben müssen. Die Ziffernspanne bezeichnet dabei die Anzahl von Ziffern, die korrekt wiedergegeben werden kann. Das Testen der Ziffernspanne ist immer noch ein Teil vom Wechsler Intelligenztest, auch wenn diese einfache Form des Tests nur sehr gering mit der allgemeinen Intelligenz korreliert.

Die meisten Menschen können etwa sechs bis sieben Ziffern behalten, manche schaffen zehn oder mehr, andere nur vier bis fünf. Dabei muss das Kurzzeitgedächtnis zwei verschiedene Leistungen erbringen. Zum einen muss der Inhalt erinnert werden, zum anderen auch die Reihenfolge der einzelnen Ziffern. Der Inhalt ist bereits gut bekannt, wenn die Ziffern in einer der Versuchsperson bekannten Sprache vorgetragen werden. In diesem Fall wird praktisch nur das Erinnern der Reihenfolge getestet. Anders fällt es aus, wenn die Ziffern in einer unbekannten Sprache gehört werden. Dann verkleinert sich auch die Ziffernspanne, da nicht nur die Reihenfolge behalten werden muss, sondern auch der Klang der einzelnen Ziffern.

Eine gute Möglichkeit, das Arbeitsgedächtnis experimentell vom Kurzzeitgedächtnis abzugrenzen, besteht darin, zwei simple Aufgaben übereinander zu legen. In einem Experiment von Baddeley (1968, zit. nach Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C., 2020, S. 73) mussten die Versuchspersonen eine einfache Logikaufgabe lösen, während sie Ziffernabfolgen von bis zu acht Ziffern repetierten. Die Logikaufgabe bestand darin, einfache logische Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Dies testet das Arbeitsgedächtnis, das Informationen nicht nur behält, sondern auch bearbeitet. Das Testen der Ziffernabfolge ist, wie oben dargelegt, ein einfaches Mittel, das Kurzzeitgedächtnis zu aktivieren. Wäre das Kurzzeitgedächtnis nur ein einfaches System, würde das Wiederholen der Ziffern mit immer höherer Ziffernspanne das Bewältigen der Logikaufgabe immer mehr beeinträchtigen. Es zeigte sich, dass die durchschnittliche Zeit, die für die Logikaufgabe benötigt wurde, mit der Anzahl der Ziffern leicht anstieg. Die Zeit war beim Wiederholen von einer Ziffernspanne von acht aber nur etwa 50% höher, wie wenn keine Ziffern repetiert werden mussten. Interessant ist jedoch, dass das stetige Wiederholen der Ziffernabfolge auf die Fehlerrate keinen Einfluss hatte. Sie lag durchgehend bei etwa 5%. Dies traf sogar zu, wenn mehr Ziffern wiederholt werden mussten, als sich die Versuchspersonen bei einem einfachen Test der Ziffernspanne merken konnten.

Das Arbeitsgedächtnis, das sich im Bewältigen der Logikaufgabe zeigt, wird folglich in seiner Funktion durch die Kurzzeitgedächtnisaufgabe zwar leicht beeinflusst, aber nicht eingeschränkt. Das spricht also für zwei Systeme, Arbeitsgedächtnis und Kurzzeitgedächtnis, die zusammenhängen, die aber nicht dasselbe sind.

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Der Text enthält teils inhaltliche Fehler in Bezug auf die Abgrenzung des Kurzzeitgedächtnisses zum Arbeitsgedächtnis. Die Aussage, dass “das System des Kurzzeitgedächtnisses zum übergeordneten System des Arbeitsgedächtnisses” gehört ist mit Vorsicht zu geniessen (vgl. dazu auch Aufzeichnung Onlineveranstaltung 2). Kurzzeitgedächtnis und Arbeitsgedächtnis sind zwei unterschiedliche Konzepte, auch wenn es inhaltliche Überlappungen gibt, welche das kurzzeitige Speichern von Informationen betrifft. Somit ist das Konzept des Kurzzeitgedächtnisses nicht Teil des Konzepts des Arbeitsgedächtnisses, auch wenn die einzelnen Komponenten des Arbeitsgedächtnisses nach Baddeley, auch für die kurzfristige Speicherung von Informationen zuständig sind.

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Note: 4.75