Wodurch unterscheidet sich die einfache Dissoziation von der doppelten Dissoziation?
Antwort
Die beiden Begriffe der «einfachen Dissoziation» und der «doppelten Dissoziation» werden in der neuropsychologischen Forschung benutzt, um die Unabhängigkeit neurologischer Funktionen respektive verschiedener kognitiver Prozesse aufzuzeigen. Die nachfolgenden Abschnitte gehen auf die beiden Arten von Dissoziation ein und zeigen deren Unterschiede auf.
Kommen wir zuerst auf den wissenschaftlichen Begriff der einfachen Dissoziation. Bei dieser handelt es sich um eine Trennung neurologischer Prozesse im Gehirn. Man kann dies am berühmten Beispiel des Falls des Patienten Henry Molaison verdeutlichen, welcher bis heute als einer der einflussreichsten Fälle in der neuropsychologischen Forschung gilt. Der Fall H.M zeigt eine Beeinträchtigung einer bestimmten kognitiven Funktion, während ein anderer Bereich in Takt bleibt. Bei H.M. wurde ein Teil des medialen Temporallappens entfernt, mit dem Ziel, seine Anfälle zu mindern. Konkret wurden ihm Teile des linken sowie rechten Hippocampus entfernt, dabei verursachte der Eingriff jedoch eine schwerwiegende anterograde Amnesie. So konnte er nach dem Eingriff keine episodischen Erinnerungen mehr bilden, hingegen blieb sein Kurzzeitgedächtnis wie auch sein prozedurales Gedächtnis fast vollständig intakt—er zeigte eine unbeeinträchtigte Intelligenz und eine weitgehend normale Sprachfähigkeit (Corkin, nach Baddeley, 2020).
Die einfache Dissoziation am Fall H.M zeigt auf, dass verschiedene Gedächtnisformen auf unterschiedlichen neuronalen Grundlagen beruhen. Die Verursachung einer einfachen Dissoziation durch eine Schädigung oder Entfernung des Temporallappens ist so weit neurowissenschaftlich belegt. Jedoch ist es nicht auszuschließen, dass die beobachtete Beeinträchtigung nicht auch von einer kognitiven Schwäche oder sonstigen Hirnschädigung entstehen kann. Daher sind Befunde wie sie im Beispiel von H.M. aufgezeigt werden, durch weitere Untersuchungen zu stützen.
Kommen wir zur doppelten Dissoziation. Die doppelte Dissoziation bietet weitere Hinweise für eine Unabhängigkeit von verschiedenen kognitiven Prozessen. Dies zeigt das Beispiel eines Patiententyps mit einem entgegengesetzten Muster. So hat bei einer sogenannten Amnesie-Syndrom ein Patient eine Beeinträchtigung im Langzeitgedächtnis, wobei das Kurzzeitgedächtnis nicht beeinträchtigt ist, also intakt bleibt. Hingegen zeigt ein anderer Patient eine Beeinträchtigung im Kurzzeitgedächtnis, wobei das Langzeitgedächtnis funktionsfähig ist. Beim Fall eines scheinbar normalen Langzeitgedächtnisses und gestörtem Kurzzeitgedächtnis zeigten die Patienten keine Anzeichen von Amnesie und waren in der Lage, z.B. Wortlisten zu lernen. Bei erhaltenen Aufgaben wie die sogenannte Aufgabe der Ziffernspanne, bei der eine Zahlenfolge gehört und wiederholt wird, hatten Patienten mit doppelter Dissoziation eine Gedächtnisspanne von nur zwei Ziffern im Vergleich zu den üblichen sechs. Dieses Muster konnte nicht einfach durch die erhöhte Schwierigkeit oder Anfälligkeit einer der Aufgabenarten erklärt werden. Es muss hier erwähnt werden, dass selbst eine doppelte Dissoziation kein perfektes Design ist, da möglicherweise mehr als zwei Systeme beteiligt sind (Shallice und Warrington, nach Baddeley, 2020).
Da in der Forschung der Neuropsychologie teilweise der Zugang zu Patienten erschwert ist, passende experimentelle und konzeptionelle Mittel nicht überall vorhanden und zugänglich sind wie auch passende Patienten nicht einfach zu finden sind, sind Einzelfälle wie von H.M. daher eher ein Glücksfall und haben eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der Gedächtnistheorie gespielt. Dennoch sind sie aus zwei wesentlichen Gründen eine begrenzte Ressource. Zum einen sind sie selten, da die meisten Hirnschäden mehrere Systeme betreffen und zu komplexen und verschiedenen Defiziten führen. Zum anderen hat die Forschung im Laufe der Zeit zu immer komplexeren Gedächtnismodellen geführt. Während eine doppelte Dissoziation zwischen zwei Systemen wünschenswert und machbar ist, würde eine dreiteilige Erklärung eine dreifache Dissoziation erfordern und eine vierteilige Erklärung eine vierfache Dissoziation, was äußerst unpraktisch wäre. Daher ist es notwendig, auf weitere Methoden wie die der konvergierenden Operationen zurückzugreifen (Baddeley, 2020).
Als Fazit kann festgehalten werden, dass die Forschungen zur einfachen und doppelten Dissoziation wertvolle Erkenntnisse für die Neuropsychologie bieten. Die einfache Dissoziation liefert Hinweise auf die funktionale Trennung von kognitiven Prozessen. Die doppelte Dissoziation liefert noch stärkere Hinweise, respektive Beweise, dass kognitive Prozesse unabhängig voneinander funktionieren.
Literaturverzeichnis
Baddeley, A., Eysenck, M.W., & Anderson, M.C. (2020). Memory (3rd ed.). London und New York: Routledge., 24 - 26.
Bewertung
Der Text gibt einen guten Überblick über Dissoziationen und doppelte Dissoziaitionen. Der vorletzte Absatz dient allerdings nicht mehr der direkten Beantwortung der Frage, sondern gibt primär weiterführende Informationen. Dies könnte in Situationen mit begrenzter Wortzahl weggelassen werden.
Achtung: Einfache und doppelte Dissoziationen finden nicht nur in der neuropsychologischen Forschung Verwendung. Der Begriff wird allgemein in der experimentellen Grundlagenforschung verwendet, wenn es darum geht, die relative Unabhängigkeit von kognitiven Prozessen zu untersuchen.
Note: 5.5