Inwiefern können Patienten mit Hirnverletzungen zur Frage beitragen, ob es mehrere Gedächtnissysteme gibt? Beschreiben Sie das allgemeine Prinzip und nennen Sie ein konkretes Beispiel.

Kapitel 1
Gedächtnissystem
Läsion

Antwort

Patienten mit einer Hirnverletzung können sehr wichtig für die Erforschung des Gedächtnisses und zur Beantwortung der Frage über mögliche Gedächtnissysteme sein. Zur Veranschaulichung kann der Patient Clive Wearing genannt werden, der infolge einer Herpes Simplex Infektion eine Entzündung im Gehirn erlitten hatte. Clive entwickelte daraufhin eine starke Amnesie und konnte Informationen nur noch für wenige Sekunden im Gedächtnis behalten. Er war nicht mehr in der Lage, neue Erinnerungen zu bilden. Trotzdem konnte er sich an gewisse Informationen oder Erlebnisse aus seiner Vergangenheit zu erinnern. Dieser und ähnliche Fälle sind wichtig in der Beantwortung der Fragestellung, ob es mehrere Gedächtnissysteme gibt. Denn Clive war talentierter Musiker und seine Fähigkeit Klavier zu spielen war erstaunlicherweise nicht von den Auswirkungen der Infektion betroffen. Dies kann darauf hinweisen, dass es verschiedene Gedächtnissysteme gibt. In gewissen Gedächtnisfunktionen zeigen Clive und andere Patienten mit einer Hirnschädigung nämlich eine starke Beeinträchtigung oder gar eine Unfähigkeit, und andere Funktionen sind hingegen nicht von diesem Defizit betroffen. Angenommen, das Gedächtnis bestehe aus einem einzelnen System, dann müssten die Beeinträchtigungen viele verschiedene, wenn nicht alle, Gedächtnisfunktionen gleichermassen betreffen.

Eine Hirnverletzung führt im Allgemeinen oft zu einer Störung oder Beeinträchtigung von bestimmten kognitiven Funktionen. Dabei sind gerade Patienten mit einer spezifischen Hirnschädigung von grosser Bedeutung für die Erforschung des Gedächtnisses und dessen Funktion. Durch die genaue Beobachtung und Beschreibung einer Funktionsstörung und mithilfe von bildgebenden Verfahren, können Teilgebiete des Gehirns und mögliche Gedächtnissysteme gezielt untersucht werden. Eine Gedächtnisstörung kann durch eine traumatische Hirnverletzung entstehen, welche Folge eines Schlages oder eines Stosses gegen den Kopf ist. Oder durch eine penetrierende Kopfverletzung entstehen. Weitere Ursachen können Krankheiten sein, wie das Korsakoff-Syndrom. Dieses entsteht durch einen übermässigen Alkoholkonsum und dem daraus resultierenden Nährstoffmangel, insbesondere dem Thiamin-Mangel (Vitamin B1). Der Patient mit einem Korsakoff-Syndrom hat Schwierigkeiten, neue Informationen zu lernen. Er kann sich jedoch an Ereignisse aus der Vergangenheit gut erinnern. Zudem weisen sie oft Defizite in der Aufmerksamkeitsleistung auf. Auch hier ist feststellbar, dass nicht alle kognitiven Funktionen gleichermassen Betroffen sind. Auch dies liefert Hinweise auf verschiedene Gedächtnissysteme.

Die Schwierigkeit beim Untersuchen der beiden oben genannten Beispiele ist, dass die Patienten mit einer Hirnverletzung jeweils verschiedene Defizite aufweisen können. Es nicht ganz klar ersichtlich, was genau die grundlegende Problematik ist. Somit können nur schwer theoretische Interpretationen über mögliche Gedächtnissysteme gemacht werden.

Einer der wichtigsten Fälle in neuropsychologischen Untersuchungen war Henry Molaison (HM). Bei HM wurde aufgrund epileptischer Anfälle grosse Teile des linken und rechten Hippocampus entfernt. Wie bei Clive Wearing konnte HM keine neuen Informationen mehr speichern. Im Gegensatz zu Clive jedoch, war bei HM nur das episodische Langzeitgedächtnis betroffen. Andere Gedächtnisprozesse waren nicht beeinträchtigt. HM zeigte eine normale Zahlenspanne, konnte normal Sprechen und wies dieselbe Intelligenz auf wie vor dem chirurgischen Eingriff. Weitere Experimente, die mit HM durchgeführt wurden, zeigten, dass er auch eine gewisse Form von Lernen aufweisen konnte. Auch wenn HM nicht mehr wusste, dass er eine bestimmte Aufgabe in der Vergangenheit ausgeführt hatte, zeigte er eine verbesserte Leistung in der Aufgabe (prozedurales Lernen). Die Erinnerung an die Aufgabe wird im episodischen Langzeitgedächtnis gespeichert. Diese Erinnerung ist für HM nicht mehr Abrufbar. Der Fall von HM beschreibt eine sogenannte Dissoziation. Dies bedeutet, dass bei HM das episodische Langzeitgedächtnis, klar trennbar von anderen kognitiven Funktionen, wie beispielweise das Kurzzeitgedächtnis, ist. Ein allgemeines Prinzip, um die Frage über mögliche Gedächtnissysteme am besten beantworten zu können, ist die Untersuchung von Personen mit einer solchen Dissoziation. Um die daraus gewonnen Erkenntnisse zu überprüfen, wird häufig nach einer doppelten Dissoziation gesucht. Es wird dabei ein weiterer Patient untersucht, der genau ein gegensätzliches Symptommuster aufweist wie die von HM beispielsweise. In diesem Fall ein Patient mit einem beeinträchtigten Kurzeitgedächtnis und einem normal funktionierenden episodischen Langzeitgedächtnis.

Mithilfe der Untersuchung von Patienten mit spezifischen Hirnverletzungen und dem Prinzip der doppelten Dissoziation können gezielt Fragen über die verschiedenen Gedächtnissysteme untersucht und beantwortet werden. So können die verschiedenen Gedächtnisprozesse bei Personen mit gegensätzlichen Symptommuster untersucht werden. Dabei können theoretische Annahme empirisch überprüft werden und mögliche Belege vorgelegt werden, wie beispielsweise die Notwendigkeit einer bestimmten Hirnregion für das Ausführen einer bestimmten kognitiven Aufgabe oder im Allgemeinen über verschiedene Gedächtnissysteme.

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M.W. & Anderson, M.C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.

Pinel, J. P. J., Barnes, S. J., & Pauli, P. (2018). Biopsychologie (10. aktualisierte und erweiterte Auflage). München: Pearson.

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Der Text beantwortet die gestellte Frage vorbildlich. Die Struktur des Textes könnte teilweise weiter optimiert werden. Es wird zwischen einzelnen Beispielen und allgemeinen Prinzipien hin- und hergesprungen. Hierdurch kommt es zu ähnlichen oder gleichen inhaltlichen Aussagen an verschiedenen Stellen.

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