Beschreiben Sie den Einfluss, den Unterernährung sowie psychologische Vernachlässigung auf die frühe Entwicklung des Gehirns hat. Können diese Effekte rückgängig gemacht oder zumindest reduziert werden, wenn ja, wie?
Antwort
Die Entwicklung des Gehirns ist ein kontinuierlicher Prozess, bei dem schrittweise neue Fähigkeiten dazukommen. So braucht es zuerst eine Rumpfstabilität, bevor ein Kind stehen und danach gehen lernen kann. Auch nimmt ein Fetus bereits Geräusche wahr und nach der Geburt reift das Gehör weiter aus, bevor die weitere Sprachentwicklung mit der Lautbildung beginnt (Baddeley et al., 2020).
Dieses Muster ist bei allen Menschen gleich und basiert auf der Entwicklung des Nervensystems, speziell dem Gehirn. Die Entwicklung beginnt bereits kurz nach der Befruchtung und wird vorgeburtlich vor allem genetisch bestimmt, wohingegen nach der Geburt die Rolle der Umwelt einen immer grösser werdenden Stellenwert einnimmt. Das Gehirn kann sich nur mit geeigneten Umweltbedingungen und Stimulation, sowie emotionaler und psychosozialer Unterstützung optimal entwickeln (Baddeley et al., 2020).
Obwohl es auf der Erde genügend Nahrungsmittel gibt, haben immer noch nicht alle Menschen Zugang zu genügend und ausgewogenen Lebensmitteln. Laut der WHO konnte die Anzahl der unternährten Kinder zwar seit 1990 stark gesenkt werden, jedoch gibt es immer noch viele unterernährte Kinder, bei denen die Unterernährung in den ersten Lebensjahren zu langandauernden Folgen führt. Eine Mangelernährung im Alter von zwei Jahren wird mit verschiedenen gesundheitlichen und sozioökonomischen Faktoren im Erwachsenenalter in Verbindung gebracht (Baddeley et al., 2020). Grantham-McGregor (1995) hat die Auswirkungen auf die Kognition untersucht und konnte einen Zusammenhang feststellen zwischen Mangelernährung und niedrigerem IQ, schlechteren kognitiven Funktionen, schlechteren Schulleistungen und vermehrten Verhaltensproblemen. Da unterernährte Kinder oft auch unterernährte Eltern haben, denen es deswegen an Energie oder Möglichkeiten fehlt, eine angemessene psychosoziale Stimulation oder Zugang zu guter Schulbildung zu gewährleisten, ist es schwierig zu sagen, ob die Folgeerscheinungen an der Unterernährung oder an der psychosozialen Vernachlässigung liegt.
McGregor und ihr Team haben in einer Studie über 20 Jahre bei wachstumsverzögerten Kinder zwischen neun und 24 Monaten, die eine Intervention mit Nahrungsergänzung und/oder psychosozialer Stimulation bekommen haben, nachgewiesen, dass nach einem zweijährigen Programm, die wachstumsverzögerten Kinder gegenüber der Kontrollgruppe aufgeholt haben. Bei der Wiederholung des Tests im Alter von 18 Jahren blieb der Vorteil der behandelten Gruppen bei 11 von 12 Tests im Vorteil, obwohl diese Ergebnisse wahrscheinlich eher auf die psychosozialen Faktoren zurückzuführen sind als auf die Ernährungstherapie. Im Alter von 22 Jahren wurde erneut getestet und obwohl die Gesamtleistung der unterentwickelten Kinder immer noch etwas niedriger war als bei den Kontrollgruppe, haben die wöchentlichen psychosozialen Interventionen zu einem höheren Bildungserfolg, besserem Wissen, einem höheren IQ, weniger Depressionen und vor allem weniger gewalttätigem Verhalten geführt (Walker, Chang, Vera-Hernández, & Grantham-McGregor, 2011). Diese Ergebnisse wurden auch in anderen Studien gefunden, wobei es sich bei all diesen Untersuchungen jeweils um Kinder handelte, die zwar auch unterernährte und sozial benachteiligte Mütter hatten, welche aber zumindest fähig waren, den Kindern die nötige mütterliche Fürsorge entgegenzubringen (Baddeley et al., 2020).
Rutter et al. (2007) haben Kinder untersucht, die während der Diktatur in Rumänien in Kinderheimen gelebt haben, in denen sie schlecht ernährt wurden und kaum fürsorgliches und aufmerksames Verhalten von Erwachsenen bekommen haben, jedoch unter 42 Monaten von britischen Familien adoptiert wurden. Diese haben sie mit einer Kontrollgruppe von nicht-institutionalisierten britischen Kindern, die unter sechs Monaten adoptiert wurden, verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder, die unter sechs Monaten adoptiert wurden, kaum einen Einfluss von der Heimerfahrung hatten. Bei Kindern, die nach sechs Monaten adoptiert waren, war die Auswirkung der institutionellen
Vernachlässigung jedoch deutlich. Im Allgemeinen zeigten diese Kinder bis zum Alter von sechs Jahren nur wenig negative Deprivation, obwohl sie zu Problemen mit Unaufmerksamkeit und Überaktivität neigten. Bei einer erneuten Untersuchung im Alter von 11 Jahren hatten die Kinder aus den Waisenhäusern deutlich geringere schulische Leistungen als die Adoptivkinder aus dem Vereinigten Königreich, was jedoch keinen Zusammenhang hatte mit der Dauer des Aufenthalts in der Einrichtung. Die akademischen Unterschiede standen im Zusammenhang mit dem IQ und in geringerem Maße mit der Unaufmerksamkeit und Überaktivität. Die Studie zeigt daher einen Vorteil von Adoption oder Pflegefamilien, allerdings mit bleibenden Nachteilen, ausser bei Kindern, die innerhalb der ersten Monate nach der Geburt adoptiert werden (Rutter et al., 2007, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 450).
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Unterernährung im Säuglingsalter zu körperlicher Retardierung und Beeinträchtigungen der Kognition führen kann. Das und ein zusätzlicher Mangel an sozialer Stimulation kann spätere Verhaltensprobleme begünstigen. Kombinierte Interventionen mit guter Ernährung und psychosozialer Förderung können diese Defizite jedoch reduzieren und bei Anwendung in den ersten sechs Lebensmonaten, können die Defizite damit sogar rückgängig gemacht werden (Baddeley et al., 2020).
Literaturverzeichnis
Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.
Grantham-McGregor, S. (1995). A review of studies of the effect of severe malnutrition on mental development. The Journal of Nutrition,125, 2233S–2238S. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/7542705/
Rutter, M., Beckett, C., Castle, J., & Colvert, E. (2007). Effects of profound early institutional deprivation: An overview of findings from a UK longitudinal study of Romanian adoptees. European Journal of Developmental Psychology, 4, 332–350. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/17405620701401846#d1e388 ull/10.1080/17405620701401846#d1e388
Walker, S. P., Chang, S. M., Vera-Hernández, M., & Grantham-McGregor, S. (2011). Early childhood stimulation benefits adult competence and reduces violent behavior. Pediatrics, 127, 849–857. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21518715/
Yousafzai, A. K., Rasheed, M. A., Rizvi, A., Armstrong, R., & Bhutta, Z. A. (2014). Effect of integrated responsive stimulation and nutrition interventions in the Lady Health Worker programme in Pakistan on child development, growth, and health outcomes: A clusterrandomised factorial effectiveness trial. The Lancet, 384(9950), 1282–1293. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24947106/
Bewertung
Der Text gibt einen guten Überblick über die Folgen, welche psychologische Vernachlässigung mit sich bringen. Ebenso wird die empirische Befundlage dahingehend aufgezeigt, ob diese Effekte reversibel sind. Die empirischen Befunde aus den Studien werden dabei sehr gut beschrieben und ein guter Überblick über die Problematik der Vernachlässigung gegeben. Der Text könnte allerdings noch gezielter auf die Folgen der psychologischen Vernachlässigung auf die Entwicklungd des Gehirns eingehen.
Beachten Sie zudem, dass der Verweis auf Online-Artikel jeweils mit dem doi-System erfolgt. Dabei ist der link gemäss dem Muster “https://doi.org…” anzugeben.
Note: 5.5