Was sind bei Augenzeugenbefragungen Faktoren, die eine Verurteilung eines Unschuldigen begünstigen? Wie kann dagegen vorgegangen werden? Warum sind die vorgeschlagenen Massnahmen effizient?
Antwort
Augenzeugenberichte sind stark mit dem semantischen Gedächtnis verbunden, wodurch sie von Erwartungen und Verzerrungen beeinflusst werden können. Irreführende Informationen, die vor oder nach einem Ereignis präsentiert werden, verstärken diese Verzerrungen.
Der Fehlinformationseffekt beschreibt die Verzerrung durch irreführende Informationen, die nach einem Ereignis präsentiert werden. Studien haben gezeigt, dass dieser Effekt vor allem kleinere Details betrifft, wie z. B. das Vorhandensein von Glasscherben nach einem Unfall (Baddeley et al., 2020, S. 397). Persönlichkeitsmerkmale wie eine hohe Angst vor negativer Bewertung oder geringe Kooperationsbereitschaft können die Anfälligkeit für Fehlinformationen erhöhen (Zhu et al., 2010b, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 398).
Ein anderes Beispiel ist die Unaufmerksamkeitsblindheit, bei der unerwartete Objekte oder Veränderungen in der visuellen Umgebung nicht wahrgenommen werden (Simon & Chabris, 1999, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 395). Dies beinhaltet oft das Versäumnis, Änderungen an einem Objekt zu erkennen. Darüber hinaus überschätzen Menschen ihre Fähigkeit, Veränderungen wahrzunehmen, ein Phänomen, das als Change Blindness Blindness bezeichnet wird (Levin et al., 2002, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 396). Erwartungen und sogenannte Top-down-Prozesse füllen häufig Lücken in der Wahrnehmung, was dazu führt, dass wir weniger sehen, als wir glauben (Baddeley et al., 2020, S. 396).
Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) können ebenfalls die Erinnerung beeinflussen, indem sie die Abrufprozesse verzerren. Menschen neigen dazu, das zu sehen oder zu erinnern, was ihren Erwartungen entspricht (Baddeley et al., 2020, S. 396). Im Zusammenhang mit Augenzeugenberichten ist dies besonders relevant: Beispielsweise wird aufgrund gespeicherter Schemata oft erwartet, dass ein Täter männlich ist, was die Wahrnehmung in diese Richtung lenken kann (Tuckey & Brewer, 2003b, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 397). Aufmerksamkeitseffekte wie der Waffenfokus spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Hierbei konzentrieren sich Zeugen auf die Waffe des Täters, wodurch andere Details der Situation ausgeblendet werden (Baddeley et al., 2020, S. 403). Stress und Angst verstärken diese Effekte und beeinträchtigen die Erinnerung. Studien zeigen, dass Personen unter hohem Stress eine geringere Erinnerungsgenauigkeit aufweisen (Deffenbacher et al., 2004, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 401).
Die Wiedererkennung unbekannter Gesichter ist für die meisten Menschen schwierig. Schon kleine Änderungen wie das Tragen einer Brille können die Gesichtserkennung erheblich beeinträchtigen – ein Effekt, der als Clark-Kent-Effekt bekannt ist. Auch der Fremdrasseneffekt spielt eine Rolle: Gesichter der eigenen ethnischen Gruppe werden zuverlässiger erkannt als die von Personen anderer Ethnien (Megreya et al., 2011, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 408). Ähnlich beeinflusst der Own-Age-Bias die Genauigkeit der Gesichtserkennung, da Menschen Gesichter besser erkennen, die näher an ihrem eigenen Alter liegen (Baddeley et al., 2020, S. 404). Von Bedeutung ist ausserdem, dass die Aussagen älterer Erwachsener weniger genau als die von jüngeren Erwachsenen sind. Zudem neigen ältere Erwachsene eher dazu, vertraute Dinge als neu zu bewerten. Sie haben eine geringere Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit während des Lernens aufrechtzuerhalten, und es fällt ihnen schwerer, relevante kontextbezogene Informationen abzurufen (Baddeley et al., 2020, S. 404). Ein weiterer Einflussfaktor sind die sogenannten verbalen Überschattungseffekte. Dabei kann die verbale Beschreibung eines Gesichts die Fähigkeit beeinträchtigen, dieses Gesicht später wiederzuerkennen. Der Grund dafür ist, dass die verbale Verarbeitung die visuelle Erinnerung überlagert und dadurch verfälschen kann (Baddeley et al., 2020, S. 407).
Es wurden bestimmte Massnahmen entwickelt, die nachweislich wirksam sind, um dem entgegenzuwirken. Kognitive Interviewtechniken können helfen, Verzerrungen zu reduzieren. Dazu gehören Methoden wie das mentale Wiederherstellen des Kontexts, das Berichten aller Details, offene Fragen stellen oder die Beschreibung eines Ereignisses aus verschiedenen Perspektiven (Charman et al., 2011, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 411). Solche Techniken fördern die Erinnerung, bergen jedoch das Risiko, dass auch falsche Details abgerufen werden (Baddeley et al., 2020, S. 411).
Das Vertrauen von Zeugen in ihre eigenen Aussagen ist ein weiterer entscheidender Faktor. Studien zeigen, dass die Fehlerrate geringer ist, wenn Zeugen von ihrer Aussage überzeugt sind (Paulo et al., 2016, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 412).
Die Qualität der Gesichtserkennung kann durch das Präsentieren mehrerer Bilder eines Verdächtigen verbessert werden (Baddeley et al., 2020, S. 382). Ebenso ist die gleichzeitige Präsentation von Lineups effektiver als die sequenzielle. Bei einer gleichzeitigen Präsentation können alle Personen im Lineup nebeneinander betrachtet werden. Dies ermöglicht es den Zeugen, direkte Vergleiche zwischen den Personen anzustellen (Baddeley et al., 2020, S. 410).
Eine Massnahme zur Reduktion von Fehlinformationseffekten wäre die Warnung über das Vorhandensein solcher Fehlinformationen. Diese kann den Effekt jedoch reduzieren, vor allem wenn sie spezifisch ist (Oeberst & Blanck, 2012, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 398). Auch sofortiger Abruf und verstärkte Selbstbestätigung können die Wirkung solcher Verzerrungen mindern (Baddeley et al., 2020, S. 398).
Moderne Ansätze wie die I-I-Eye-Technik zielen darauf ab, die Sensibilität von Geschworenen für die Stärken und Schwächen von Augenzeugenaussagen zu erhöhen, ohne dabei übermässige Skepsis zu fördern (Baddeley et al., 2020, S. 416). Solche Methoden tragen dazu bei, die Zuverlässigkeit und Genauigkeit von Zeugenaussagen zu verbessern.
Literaturverzeichnis
Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.
Bewertung
Der Text führt die Faktoren, welche eine Verurteilung eines Unschuldigen begünstigen gut ein. Der rote Faden zwischen den einzelnen beschriebenen Faktoren könnte allerdings noch stärker herausgearbeitet werden um den Lesefluss zu erhöhen. So ist der Sprung zwischen manchen Absätzen recht gross. Ebenso kann der Text am Ende noch durch eine abschliessende Zusammenfassung abgerundet werden.
Note: 5.5