Welchen Einfluss hat der Affekt auf das autobiografische Gedächtnis? Stützen Sie Ihre Ausführungen mit einem empirischen Befund.

Kapitel 11
Autobiographisches Gedaechtnis
Affekt

Antwort

Das autobiografische Gedächtnis speichert die Erinnerung an vergangene Ereignisse und Erfahrungen aus dem persönlichen Werdegang. Diese Erinnerungen bilden eine stimmige und logische Version der persönlichen Lebensgeschichte und tragen unter anderem zur Identitätsbildung bei.

Nach Martin Conway (2005) ist die Wissensstruktur des autobiografischen Gedächtnisses hierarchisch organisiert. Sie besteht aus drei Ebenen: lebensgeschichtliche Themen, allgemeine Ereignisse und spezifische Ereignisse. Lebensgeschichtliche Themen umfassen langfristige Konzepte und Merkmale einer Person, während allgemeine Ereignisse wiederholende Elemente aus dem Alltag beinhalten. Auf der untersten Ebene befinden sich einzelne konkrete Erlebnisse, die oft mit vielen sensorischen Details und starken Emotionen verknüpft sind.

Solche klar abgegrenzten, intensiven und emotionalen Reaktionen, welche in der Regel auch mit körperlichen Veränderungen einhergehen, werden als Affekt bezeichnet. Sie haben einen bedeutenden Einfluss darauf, wie Menschen ihre persönlichen Erfahrungen erinnern, strukturieren und interpretieren.

Besonders einprägsame Erinnerungen werden mit dem Begriff Flashbulb Memory bezeichnet. Dieser Ausdruck beschreibt lebendige, detaillierte und langanhaltende Erinnerungen an Momente, in denen jemand von einem besonders aufwühlenden oder schockierenden Ereignis erfährt. Roger Brown und James Kulik (1977) führten dazu eine Studie durch, in der sie Menschen nach ihren Erinnerungen an die Ermordung von John F. Kennedy befragten. Dabei stellten sie fest, dass diese Erinnerungen außergewöhnlich klar und konsistent waren. Die Erinnerungen stellten sozusagen ein fotografisches Blitzlicht im Gedächtnis dar.

Solche Blitzlichterinnerungen sind jedoch nicht universal gültig, sondern vom persönlichen Kontext und damit von individuellen Berührungspunkten abhängig. Während Mitglieder der afroamerikanischen Bevölkerung solche Erinnerungen eher mit der Ermordung von Martin Luther King verbinden (McCloskey et al., 1988), bezogen sich diese bei einer Befragung von dänischen Seniorinnen und Senioren eher auf Umstände im Zusammenhang mit der Befreiung von der deutschen Besatzung am Ende des Zweiten Weltkrieges (Berntsen & Thomsen, 2005). Ein Ereignis, welches sich in weiten Teilen der Welt als Flashbulb Memory in die Gedächtnisse eingeprägt hat, ist der Angriff auf das World Trade Center im September 2011. Es war ein Ereignis, das für viele Menschen mit starken Emotionen verbunden war und teilweise ihr Weltbild erschütterte. Davidson et al. (2006) verglichen diese Erinnerungen mit Alltagserinnerungen und fanden heraus, dass ein Jahr später noch eine signifikant lebhaftere und genauere Wiedergabe des Ereignisses möglich war, wenn man diese mit weniger emotional herausragenden Ereignissen verglich.

Den Umstand, dass besonders emotionale Erlebnisse aus unserem Alltag mit stärkeren Erinnerungen verbunden sind, untersuchten Cahill und McGaugh (1995) in einem experimentellen Rahmen. Sie zeigten ihren Versuchspersonen eine Serie von Bildern. Dazu verwendeten sie eine emotionale Geschichte sowie eine neutrale Version der Geschichte. Die Studie kam zum Ergebnis, dass sich die Teilnehmenden deutlich besser an die emotional gefärbte Geschichte erinnerten als an die neutrale Version. Die Forscher führten diesen Unterschied auf die Aktivierung der Amygdala zurück, die durch emotionale Inhalte verstärkt wurde und so die Gedächtniskonsolidierung beeinflusste.

Eine weitere Studie zum Zusammenhang von Affekt und Erinnerung stammt von Bower et al. (1981). Die Forscher untersuchten, wie die Stimmung einer Person den Abruf autobiografischer Erinnerungen beeinflusst. Sie nutzten ein experimentelles Design mit insgesamt fünf Teilexperimenten, bei dem die Teilnehmenden künstlich in positive oder negative Stimmungen versetzt wurden. Anschließend wurden die Teilnehmenden gebeten, Erinnerungen zu beschreiben. Die Ergebnisse zeigten, dass die Stimmung der Probanden die Art der abgerufenen Erinnerungen beeinflusste: Versuchspersonen erinnerten sich besser an Details im Zusammenhang mit stimmungsähnlichen Ereignissen.

Über die gesamte Lebensspanne hinweg tendieren viele Menschen dazu, sich eher an positive Ereignisse zu erinnern, während Erinnerungen an negative Ereignisse mit der Zeit stärker verblassen. Auch auf dieser Ebene spielen Emotionen eine zentrale Rolle. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Positivitätsbias. Walker et al. (1997) untersuchten, wie Menschen autobiografische Erinnerungen verarbeiten. Sie erforschten den Zusammenhang zwischen positiver und negativer Ausprägung des Affekts sowie der verstrichenen Zeit. Sie bestätigten, dass positive Erinnerungen langsamer verblassen. Negative Erinnerungen hingegen verlieren im Laufe der Zeit schneller an Intensität. Diese Tendenz wird als Fading Affect Bias bezeichnet.

Flashbulb Memories, der Positivitätsbias und der Fading Affect Bias sind Beispiele, die zeigen, wie stark der Affekt das autobiografische Gedächtnis formt, die Konsolidierung beeinflusst und Erinnerungen prägt. Emotionen formen damit nicht nur den Alltag im Hier und Jetzt, sondern auch die Erinnerung und damit die persönliche Biografie sowie die Art, wie sie von jedem Einzelnen wahrgenommen wird.

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2009). Memory (3rd ed.). Psychology Press.

Bower, G. H., Gilligan, S. G., & Monteiro, K. P. (1981). Selectivity of learning caused by affective states. Journal of Experimental Psychology: General, 110(4), 451–473. https://doi.org/10.1037/0096-3445.110.4.451

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