Welche Eigenschaften des autobiographischen Gedächtnisses lassen sich typischerweise auf einer Lebensspannenkurve (engl. Lifespan retrieval curve) ablesen? Wie können diese erklärt werden?

Kapitel 11
Autobiographisches Gedaechtnis
Lebensspannenkurve

Antwort

Bevor die ursprüngliche Fragestellung behandelt werden kann, ist es zunächst erforderlich, ein Verständnis darüber zu entwickeln, wie das autobiografische Gedächtnis in Bezug auf das Leben erfasst werden kann. Crovitz und Shiffman (1974) wendeten die Methode des freien Abrufs (engl. free recall) an und passten sie für die Untersuchung des autobiografischen Gedächtnisses an, indem sie den Versuchspersonen ein Stichwort, wie beispielsweise „Pferd”, präsentierten und diese aufforderten, eine autobiografische Assoziation zu diesem Stichwort zu erinnern. Ein wesentlicher Vorteil dieser Sondierungsmethode besteht in der zufälligen Verteilung der abgerufenen Erinnerungen über das gesamte Leben hinweg. Bei Versuchspersonen über 40 Jahren zeigt sich eine besonders hohe Erinnerungsgenauigkeit für den Zeitraum zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr, was als „Reminiscence Bump” bezeichnet wird (Rubin et al., 1986).

Conway, Wang, Hanyu und Haque (2005) nutzten die Sondierungsmethode um eine kulturübergreifende Untersuchung mit Teilnehmern aus China, Japan, Bangladesch, Großbritannien und den USA durchzuführen. Die Ergebnisse zeigen insgesamt ein ähnliches Muster, wobei jedoch signifikante kulturbedingte Unterschiede bestehen. So liegt das Durchschnittsalter der frühesten Erinnerung in den USA bei 3,8 Jahren, während es in China bei 5,4 Jahren liegt. Eine mögliche Erklärung dieser Unterschiede scheint durch die unterschiedliche kulturell bedingte Kommunikation über Erinnerungen der Mütter mit ihren Kindern zustande zu kommen (Leichtman et al., 2003).

Ein weiterer wichtiger Befund ist die infantile Amnesie, die kulturübergreifend beobachtet wird. Moderne Erklärungsansätze für dieses Phänomen verweisen insbesondere auf die im frühen Kindesalter charakteristische hohe Rate an Neurogenese im Hippocampus. Die Rede ist hier vom Neurogenese-induziertem Vergessen. Die Bildung neuer Neuronen im Hippocampus scheint die Konsolidierung von Erinnerungen erheblich zu erschweren (Josselyn und Frankland, 2012).

Wie lässt sich der „Reminiscence Bump” erklären? Die meisten theoretischen Ansätze betonen die besondere Bedeutung dieser Lebensphase. In der Zeitspanne zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr ereignen sich zahlreiche bedeutende und prägende Ereignisse, die einen nachhaltigen Einfluss auf das Gedächtnis haben (Bernsten und Rubin, 2004). Solche Ereignisse wie die erste Liebe oder der Auszug aus dem Elternhaus sind höchstwahrscheinlich mit intensiven Emotionen verbunden, die den Abruf dieser Erinnerungen begünstigen. (Dolcos et al., 2005).

Glück und Bluck (2007) untersuchten den Zusammenhang zwischen der emotionalen Valenz und autobiographischen Erinnerungen. In ihrer Studie wurden die Versuchspersonen gebeten, ihre autobiographischen Erinnerungen hinsichtlich ihrer emotionalen Valenz sowie ihrer persönlichen Bedeutung zu bewerten. Die Ergebnisse waren bemerkenswert eindeutig: Die Versuchspersonen erinnerten sich signifikant häufiger an positive Ereignisse als an negative oder neutrale. Dieser sogenannte Positivität-Bias scheint ein weit verbreitetes Phänomen im Bereich des Gedächtnisses zu sein.

Berntsen, D., & Rubin, D. C. (2004). Cultural life scripts structure recall from autobiographical memory. Memory & Cognition, 32(3), 427–442. https://doi.org/10.3758/BF03195836

Conway, M., Wang, Q., Hanyu, K., & Haque, S. (2005). A Cross-Cultural Investigation of Autobiographical MemoryOn the Universality and Cultural Variation of the Reminiscence Bump. Journal of Cross-cultural Psychology - J CROSS-CULT PSYCHOL, 36, 739–749. https://doi.org/10.1177/0022022105280512

Crovitz, H. F., & Schiffman, H. (1974). Frequency of episodic memories as a function of their age. Bulletin of the Psychonomic Society, 4(5), 517–518. https://doi.org/10.3758/BF03334277

Dolcos, F., LaBar, K. S., & Cabeza, R. (2005). Remembering one year later: Role of the amygdala and the medial temporal lobe memory system in retrieving emotional memories. Proceedings of the National Academy of Sciences, 102(7), 2626–2631. https://doi.org/10.1073/pnas.0409848102

Glück, J., & Bluck, S. (2007). Looking back across the life span: A life story account of the reminiscence bump. Memory & Cognition, 35(8), 1928–1939. https://doi.org/10.3758/BF03192926

Josselyn, S. A., & Frankland, P. W. (2012). Infantile amnesia: A neurogenic hypothesis. Learning & Memory (Cold Spring Harbor, N.Y.), 19(9), 423–433. https://doi.org/10.1101/lm.021311.110

Leichtman, M. D., Wang, Q., & Pillemer, D. B. (2003). Cultural variations in interdependence and autobiographical memory: Lessons from Korea, China, India, and the United States. In Autobiographical memory and the construction of a narrative self: Developmental and cultural perspectives (S. 73–97). Lawrence Erlbaum Associates Publishers.

Rubin, D. C., Wetzler, S. E., & Nebes, R. D. (1986). Autobiographical memory across the lifespan. In Autobiographical memory (S. 202–221). Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/CBO9780511558313.018

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Der Text beantwortet die Frage nur sehr oberflächlich. So könnte beispielsweise hinsichtlich des Reminiscence Bumps noch auf die Assoziation mit der Identitätsfindung eingangen werden oder beim Positivitäts-Bias, dass sich dieser Effekt mit zunehmendem Alter verstärkt zeigt. Ebenso könnte ein potentieller Recency-Effekt in der Abrufkurve über die Lebensspanne erwähnt werden.

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Note: 4.5