Welchen Einfluss haben eigene Ziele und die Motivation auf die Gedächtnisleistung? Welche empirische Evidenz gibt es dazu?

Kapitel 10
Gedächtnisleistung
Motivation

Antwort

Wenn man die einführenden Beispiele ab Seite 315 liest, dann wird schnell klar, dass man einen Einfluss auf die Gedanken hat, sei dies bewusst oder unbewusst. Häufig dient dies auch dem eigenen Schutz, um traumatisierende Ereignisse «zu vergessen», wobei diese aber teilweise durch spezifische Cues wieder ins Bewusstsein hervorgebracht werden können. (Baddeley et al. 2020) Sigmund Freud`s Psychoanaltische Theorie bekräftigt diese Annahme, dass man unliebsame Erinnerungen bewusst ins Unbewusste abschiebt und sie so unterdrückt werden. Die einfachste Methode, ungewollte Erinnerungen nicht zu speichern, ist bei der Kodierung dieser Erinnerungen zu schauen, dass man an etwas anderes denkt oder einfach nur an die positiven Seiten jener Erinnerungen denkt. (Baddeley et al. 2020)

Manchmal muss man auch einfach etwas vergessen, damit man wieder Neues merken kann, so müssen Kellner nach erledigter Bestellung den Kopf wieder frei haben für neue Bestellungen (=gezieltes Vergessen) (Bjork, 1970). Dieses Beispiel zeigt, dass die eigenen Ziele und Motivation einen Einfluss auf das Gedächtnis haben können. Auch eine Studie von Basden & Basden (1996) kam zum Schluss, dass die Teilnehmenden die «zu vergessenden» Gegenständen weniger gut abrufen konnten als die «zu merkenden». Und der «mnemic neglect effect» (Sedikides & Green, 2000) besagt, dass Menschen sich gerne selbst als positiv ansehen und deswegen die Kodierung von negativem Feedback limitieren, was ebenfalls bedeutet, dass man sein Gedächtnis ein Stück weit kontrollieren kann. Bjork & Bjork (2003) fanden heraus, dass absichtlich vergessene Items unser Verhalten ausserhalb der Wahrnehmung beeinflussen kann. Die Wiederabruf- Hemmungshypothese liefert hier eine mögliche Erklärung: Die Instruktion zum Vergessen der ersten Liste führt zwar zur Hemmung für den Wiederaufruf, aber sie führt nicht zum kompletten Vergessen der ungewollten Items. Aus ähnlichem Grunde kann es passieren, dass wir uns wieder an traumatische Ereignisse erinnern, wenn wir plötzlich in einem ähnlichen Umfeld sind. In so einem Fall haben wir die Möglichkeit, aktiv etwas gegen das Wiederabrufen zu tun, indem wir unsere Gedanken und Emotionen stoppen und sie auf etwas anderes lenken versuchen. Wir besitzen eine Fähigkeit, namens kognitiver Kontrolle. (Baddeley et al. 2020). Der Beleg dafür liefert uns das think/ no-think Paradigma von Anderson & Green (2001). Es konnte gezeigt werden, dass sich die Probanden beim finalen Test an die Wörter der no-think- Bedingung weniger gut erinnern konnten als an die Wörter der think- Bedingung, was zeigt, dass die Menschen die Fähigkeit haben durch bewusste Unterdrückung Erinnerungen weniger zugänglich zu machen. Mittels eines fMRT wurde herausgefunden, dass bei diesem Prozess die gleichen Strukturen aktiv sind, wie bei der physischen Unterdrückung, die Gehirnregion beim rechten lateralen präfrontalen Kortex und dem anterioren cingulären Kortex (Anderson et al., 2004). Depue et al. (2010) fand heraus, dass Menschen mit einem weniger effektiven kognitiven Kontrollprozess auch weniger fähig sind, das Wiederabrufen ungewollter Erinnerungen zu unterdrücken. Betroffen sind beispielsweise Erwachsene mit ADHS. Ganz allgemein kann man sagen, wenn die oben genannten Hirnregionen nicht so funktionieren, wie sie sollten, dann sind die Betroffenen besonders gefährdet für posttraumatische Belastung Störungen (Catarino et al., 2015; Waldhauser et al., 2018), Angststörungen und Depressionen (Engen & Anderson, 2018). Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit, und zwar idem man versucht während des Abrufprozess seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken (nicht zu verwechseln mit unterbrechen). Hierbei passiert das Gegenteil, der linke präfrontale Cortex ist aktiv und der Hippocampus wird aktiviert. Dies macht aber insofern Sinn, da der Hippocampus aktiviert ist, wenn man an die Vergangenheit denkt. (Bergström et al., 2009)

Menschen, die ein traumatisches Erlebnis hatten, können unter umständen von psychisch bedingter Amnesie betroffen sein, so wie AMN. Er erlebte einen Autounfall, bei dem ein Mensch verbrannte, was bei ihm eines Tages ein komplettes Vergessen eines Teils seiner Vergangenheit verursacht hat. (Markowitsch et al., 1998) Hunter (1968) nennt dies psychisch bedingte Fuge. Dieser Zustand kann von wenigen Stunden, bis zu mehreren Tagen andauern und sobald dieser Zustand vorüber ist, weiss man wieder, wer man ist. Kikuchi et al. (2009) fanden heraus, dass, extreme psychische Belastungen dazu führen können, dass die Abrufunterdrückung unwillkürlich auf bestimmte Reize durchgeführt wird und so ein solcher Zustand überhaupt zu Stande kommt.

Ballard (1913) fand heraus, dass man bei jedem Mal, wo man etwas wieder auffrischt /von Neuem abruft, auch ohne weiter zu lernen, danach mehr wiedergeben kann als vorher. So erstaunt es nicht, dass Leute fähig sind, beispielsweise im Rahmen einer Psychotherapie plötzlich wieder über Dinge zu sprechen, die eigentlich verbannt waren und unter Umständen schon Jahre her ist. Bei jedem Mal Nachfragen des Therapeuten kommen neue Dinge zum Vorschein und irgendwann hat man die ganze Geschichte «rekonstruiert». Betroffene neigen aber dazu, beim Rekonstruieren teilweise auch Sachen hinzufügen. Im dümmsten Fall hat dann dies schwerwiegende Konsequenzen für die Betroffenen und die Täter, da die Betroffenen beispielsweise durch Hypnose an ein Ereignis glauben und dann somit einen Täter beschuldigen, obschon dieses Ereignis so nicht stattgefunden hat. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Leute, die sich spontan an solche Erinnerungen erinnern können. (Baddeley et al. 2020)

Wie die genannten Beispiele aufzeigen, kann stand Heute gesagt werden, dass es Mechanismen gibt, die den Menschen helfen, die aufdringlichen Gedanken zu unterdrücken und somit die Erinnerungen an schlimme Ereignisse zu vergessen. Dies kann aktiv geschehen, was den Schluss zu lässt, dass die Motivation und Ziele durchaus einen Einfluss auf die Gedächtnisleistung haben.

Literaturverzeichnis

Anderson, M.C., Green, C. (2001). Suppressing unwanted memories by executive control. Nature, 410(6826), 366-369.

Anderson, M.C., Ochsner, K.N., Cooper, J., Robertson, E., Gabrieli, S.W., Glover, G.H., et al. (2004).

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Baddeley, A., Eysenck, M.W., & Anderson, M.C. (2020). Memory (third Edition). Routledge, S.315ff, 318, 324, 239ff.

Basden, B.H., & Basden, D.R. (1996). Directed forgetting: Further comparison of the item and list methods. Memory, 4(6), 633-653.

Bergström, Z., de Fockert, J.W., & Richardson-Klavehn, A. (2009). ERRP and behavioural evidence for direct suppression of unwanted memories. NeuroImage, 48(4), 726-737.

Bjork, R.A. (1970). Positive forgetting: The noninterference of items intentionally forgotten. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 9(3),255-268.

Catarino, A., Küpper, C.S., Werner-Seidler, A., Dalgleish, T., Anderson, M.C. (2015). Failing to forget: Inhibitory-control deficits compromise memory suppression in posttraumatic stress disorder. Psychological Science, 26(5), 604-616.

Depue, B.E., Burges, G.C., Willcutt, E.G., Ruzic, L., & Banich, M.T. (2010). Inhibitory control of memory retrieval and motor processing associated with the right lateral prefrontal cortex: Evidence from deficits in individuals with ADHD. Neuropsychologia, 48, 3909-3917. doi:10.1016/j.neuropsychologia.2010.09.013

Engen, H., & Anderson, M.C. (2018). Memory control: A fundamental mechanism of emotion regulation. Trends in Cognitive Sciences, 22(11), 982-995.

Hunter, I.M.L. (1968). Memory. Harmondsworth: Penguin Books.

Kikuchi, H., Fujii, T., Abe, N., Suzuki, M., Takagi, M., Mugikura, s., et al. (2009). Memory repression: Brain mechanisms underlying dissociative amnesia. Journal of Cognitive Neuroscience, 22(3), 602-613.

Markowitsch, H.J., Kessler, J., Van Der Ven, C., Weber-Luxemburger, G., Albers, M., & Heiss, W.D. (1998). Psychic trauma causing grossly reduced brain metabolism and cognitive deterioration. Neuropsychologia, 36(1), 77-82.

Sedikides, C., & Green, J. D. (2000). On the selfprotective nature of inconsistency/ negativity management: Using the person memory paradigm to examine self-referent memory. Journal of Personality and Social Psychology, 79, 906-922.

Waldfogel, S. (1948). The frequency and affective character of childhood memories. Psychological Monographs, 62 (Whole No. 291).

Waldhauser, G.T., Dahl, M.J., Ruf-Leuschner, M., Müller-Bamouh, V., Schauer, M., Axmacher, N., & Hanselmayr, S. (2018). The neural dynamics of deficient memory control in heavily traumatized refugees. Scientific Reports, 8(1), 13132.

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Die Frage bezieht sich auf den Einfluss von eigenen Ziele und Motivationen. Ihr Text fokusiert sich teils stark auf externe Faktoren welche nicht im eignen Einfluss liegen. So wird im Text häufig über traumtische Erlebnisse gesprochen welche nicht im eigenen ermessen liegen. Ebenfalls werden Faktoren wie PTBS und andere Erkrankungen besprochen, welche nicht zur Beantwortung der Frage beitragen. Achten Sie darauf nur für die Frage relevante Aspekte zu besprechen.

Weiterhin ist der Text ohne ein Grundwissen über die Inhalte aus dem Buch von Baddeley et al. (2020) schwer nachzuvollziehen. So wird zu Beginn des Textes auf “die Beispiele ab Seite 315” verwiesen, ohne diese genauer zu erläutern.

Im Text selbst wird bei Referenzen das Wort “und” immer ausgeschrieben und nicht das Symbol & benutzt. Achten Sie zudem darauf, dass die Quellenangaben innerhalb des Satzes platziert werden und nicht nach dem Punkt platziert werden.

Note: 5.0