M09: Lernen und Gedächtnis

Vergessen

Prof. Dr. Nicolas Rothen

Mysterium


Vergessen

  • Universell akzeptiertes Phänomen
  • Warum vergessen?
  • Wie vergessen wir?

Lernziele


Nach dieser Präsentation wissen Sie …

  • was für Arten von Vergessen es gibt
  • wie die verschiedenen Arten von Vergessen definiert werden
  • was die verschiedenen Erklärungsansätze für Vergessen sind
  • mit welchen Paradigmen Vergessen untersucht wird

Übersicht


  • Inzidentelles Vergessen

    • Interferenz

    • Inhibition

  • Motiviertes Vergessen

Inzidentelles Vergessen

Phänomen

Vergessenskurve / Erinnerungsfunktion (Ebbinghaus, 1913)

Permastore


Permanenter Speicher (analog Permafrost)

Fremdsprachenerhalt (Bahrick, 1984) [pdf]

Einordnung

Gedächtnissystem aus Ward (2020, S. 272).

Definition


Vergessen ist …

«die Unfähigkeit gegenwärtig etwas abzurufen, was zu einem früheren Zeitpunkt abgerufen werden konnte.» (Tulving, 1974) [pdf]

Mögliche Gründe

  • ≠ Verfügbarkeit
  • ≠ Zugänglichkeit
  • Verzerrung: z.B. «War of the Ghosts» (Schema, Bartlett, 1932)

Abgrenzung


Amnesie

  • Pathologische Gedächtnisstörung
  • Anterograde Amnesie: Ein Problem bei der Kodierung, Speicherung oder dem Abruf von Informationen, die in der Zukunft verwendet werden können.
  • Retrograde Amnesie: Ein Problem beim Abrufen von Ereignissen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben.

Shereshevskii

Luria (1968)


  • Reporter ➞ keine Notizen
  • Konnte nicht vergessen ➞ Leiden
  • Beeinträchtigte Konzeptbildung
  • Ursache ➞ Synästhesie?

Synästhesie und Gedächtnis

Highly Superior Autobio. Memory


Brief von Jill Price an Larry Cahill (Parker et al., 2006) [pdf].

Jill Price: Leidet unter HSAM (Baddeley et al., 2020, S. 550).

Schutzfaktoren


Konsolidierung

  • Synaptische Konsolidierung

  • Systemische Konsolidierung

Jost’s Gesetz des Vergessens

Bei zwei gleich starken aber unterschiedlich alten Erinnerungen, zerfällt die ältere langsamer als die neuere (Jost, 1887).

Schutzfaktor Abruf



Tagebuch über 5 Jahre

  • 2 Ereignisse / Tag

  • Zufällige Tests mit Abrufeinschätzung

Der Abruf eines Ereignisses schützt es vor Vergessen

Risikofaktoren


  • Spurenzerfall (➞ Zeit)

  • Interferenz (➞ Inhalt)

Spurenzerfall

  • Abnahme von Aktivierung (Zugang vs. Verfügbarkeit?)

  • Korreliert mit anderen Faktoren

    • Kontextfluktuation (physisch und mental)

    • Interferenz (Zeit ➞ Anhäufung von Erinnerungen)

Zeit alleine ist keine ausreichende Erklärung für Spurenzerfall

Wir können uns nicht erinnern, was wir z.B. vor 2 Monaten zu Abend gegessen haben. Jedoch können wir uns mit Leichtigkeit an Ereignisse erinnern, die Jahre zurück liegen, wenn sie distinkt genug sind.

Interferenz

Abrufwettbewerb. Abbildung aus Baddeley et al. (2020, S. 289).

Komplexeres Interferenzszenario

Ein komplexeres Interferenzszenario mit mehreren geteilten Abrufhinweisen und komplexen Erinnerungen. Abbildung aus Baddeley et al. (2020, S. 289).

Interferenzphänomene


  • Retroaktive Interferenz

  • Proaktive Interferenz

  • Beeinträchtigung durch Teilmengenverweis
    (engl. «part-set cueing impairment»)

  • Abrufinduziertes Vergessen

Retroaktive Interferenz

Links: Retroaktive Interferenzaufgabe. Rechts: Resultate des finalen «cued recall» Abrufs (Baddeley et al., 2020, S. 292). Daten von Barnes & Underwood (1959) [pdf].

Ein Alltagsbeispiel

Langzeitaktualitätseffekt (Baddeley et al., 2020, S. 292). Daten von Baddeley & Hitch (1977).

Proaktive Interferenz

Links: Proaktive Interferenzaufgabe. Rechts: Resultate einer Meta-Analyse hinsichtlich des finalen «cued recall» Abrufs (Baddeley et al., 2020, S. 294). Adaptiert von Underwood (1957) [pdf].

Teilmengenverweis


Foto: Eduardo Soares auf Unsplash.


Alltagsbeispiel

Sie laufen in einen Laden und vergessen, was Sie einkaufen wollten. Ein Grund für diese Beeinträchtigung des Gedächtnisabrufs liegt darin, dass die Auslagen im Laden einem Teilmengenverweis entsprechen.

Abrufinduziertes Vergessen

Schemantische Darstellung von abrufinduziertem Vergessen. Links: Experimentalbedingung. Rechts: Kontrollbedingung (Baddeley et al., 2020, S. 296). Adaptiert von Anderson (2003) [pdf].

Unabhängige Prüfmethode

«independent probe method»

Links: Drei mögliche Erklärungen für abrufinduziertes Vergessen. Rechts: Darstellung der unabhängigen Prüfmethode (Baddeley et al., 2020, S. 300).

Aufmerksamkeit und Stress

(A) Einfluss von Aufmerksamkeit und (B) Einfluss von Stress auf abrufinduziertes Vergessen (Baddeley et al., 2020, S. 304). Daten von Román et al. (2009) [pdf] und Koessler et al. (2009) [pdf].

Gehirn

VLPFC = ventrolateraler Präfrontalkortex, IPS = Intraparietaler Sulcus (Baddeley et al., 2020, S. 306). Daten von Kuhl et al. (2007) [pdf].

Übersicht

Übersicht zu abrufinduziertem Vergessen (Baddeley et al., 2020, S. 307).

Gegenmassnahmen


Wie kann Interferenz vermindert werden?

  • Ruhe

  • Schlaf

Lernpausen

Machen Sie regelmässige Lernpausen, um Interferenzprozesse zu reduzieren und Konsolidierungsprozesse zu fördern.

Motiviertes Vergessen

Positive Verzerrung

Positivitätsverzerrung über verschiedene Altergsgruppen (Charles et al., 2003) [pdf].

Terminologie


Verdrängung (eng. repression)

In der psychoanalytischen Theorie ein psychologischer Abwehrmechanismus, der unerwünschte Erinnerungen, Ideen und Gefühle ins Unbewusste verdrängt, um Konflikte und psychische Schmerzen zu verringern. Theoretisch kann die Verdrängung entweder bewusst oder unbewusst sein. Häufig wird der Begriff Unterdrückung verwendet, um die bewusste Variante zu bezeichnen.


  • Nach Freud nicht eliminiert sondern vom Bewusstsein ausgeschlossen

  • Verdrängtes konnte immer noch das Verhalten beeinflussen

  • Verdrängtes konnte auch wieder das Bewusstsein erreichen

Intentional vs. motiviert


Vergessen

  • Intentional: bewusst intendiert (z.B. Verdrängung)

  • Motiviert: nicht versehentlich aber nicht bewusst intendiert (z.B. psychogene Amnesie)

Gerichtetes Vergessen

Zwei Methoden

  • Element Methode
    (eng. item-method)

  • Listen Methode
    (eng. list-method)

Listen Methode

Exemplarischer Befund eines Experiments zu gerichtetem Vergessen mit der Listen Methode [@baddeley2020, S. 321]. Daten von @geiselman1983 [pdf].

«Think / No-Think» Paradigma

(Baddeley et al., 2020, S. 326). Daten von Levy & Anderson (2008) [pdf].

Emotionen

Fiktive Szenarien

«Das Vergehen besteht darin, dass Ihr Professor Ihnen nicht glaubt, wenn Sie sagen, dass Sie Ihre Arbeit nicht plagiiert haben. Die Folge ist, dass Sie von der Universität verwiesen werden. Später stellt Ihr Professor fest, dass Sie die Wahrheit gesagt haben, und versucht, Sie wieder zuzulassen.»

Prozedur

  • Vergeben vs. Nicht-Vergeben?

  • Assoziation: Hinweis-Szenario

  • Hinweis: Denken / Nicht-Denken

@noreen2014 [pdf] [vgl. @baddeley2020, S. 327].

Abrufunterdrückung



Ähnlich wie bei Handlungen?

  • Vergleich: Denken / Nicht-Denken

  • Lateraler Präfrontalkortex

  • Hippocampus

@baddeley2020 [S. 329]. <br> Daten von @anderson2004 [pdf].

Spontane Erholung

Baddeley et al. (2020) [S. 334]. Daten von Wheeler (1995) [pdf].

Hypermnesie

Baddeley et al. (2020) [S. 335]. Daten von Erdelyi & Kleinbard (1978) [pdf].

Hinweis Wiederherstellung


Baddeley et al. (2020) [S. 338].
Prozedur und Daten von Smith & Moynan (2008) [pdf].

Wiedererlangte Erinnerungen

Baddeley et al. (2020) [S. 343]. Daten von Geraerts et al. (2006) [pdf].

Erkenntnisgewinn

Erkenntnisgewinn


Sie wissen nun …

  • was für Arten von Vergessen es gibt
  • wie die verschiedenen Arten von Vergessen definiert werden
  • was die verschiedenen Erklärungsansätze für Vergessen sind
  • mit welchen Paradigmen Vergessen untersucht wird

Literatur

Anderson, M. C. (2003). Rethinking interference theory: Executive control and the mechanisms of forgetting. Journal of Memory and Language, 49(4), 415–445. https://doi.org/10.1016/j.jml.2003.08.006
Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Aufl.). Routledge.
Baddeley, A., & Hitch, G. J. (1977). Recency re-examined. (S. Dornic, Hrsg.; S. 647–667). Lawrence Erlbaum Associates.
Bahrick, H. P. (1984). Semantic memory content in permastore: Fifty years of memory for Spanish learned in school. Journal of Experimental Psychology: General, 113, 1–29. https://doi.org/10.1037/0096-3445.113.1.1
Barnes, J. M., & Underwood, B. J. (1959). "Fate" of first-list associations in transfer theory. Journal of Experimental Psychology, 58(2), 97–105. https://doi.org/10.1037/h0047507
Bartlett, F. C. (1932). Remembering. Cambridge University Press.
Charles, S. T., Mather, M., & Carstensen, L. L. (2003). Aging and emotional memory: the forgettable nature of negative images for older adults. Journal of Experimental Psychology. General, 132(2), 310–324. https://doi.org/10.1037/0096-3445.132.2.310
Ebbinghaus, H. (1913). New York: Teachers College, Columbia University.
Erdelyi, M. H., & Kleinbard, J. (1978). Has Ebbinghaus decayed with time? The growth of recall (hypermnesia) over days. Journal of Experimental Psychology: Human Learning and Memory, 4, 275–289. https://doi.org/10.1037/0278-7393.4.4.275
Geraerts, E., Arnold, M. M., Lindsay, D. S., Merckelbach, H., Jelicic, M., & Hauer, B. (2006). Forgetting of Prior Remembering in Persons Reporting Recovered Memories of Childhood Sexual Abuse. Psychological Science, 17(11), 1002–1008. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2006.01819.x
Jost, A. (1887). Die Assoziationsfestigkeit in ihrer Abhägigkeit von der Verteilung der Wiederholungen [The strength of associations in their dependence on the distribution of repetitions]. Zeitschrift fur Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, 16, 436–472.
Koessler, S., Engler, H., Riether, C., & Kissler, J. (2009). No Retrieval-Induced Forgetting Under Stress. Psychological Science, 20(11), 1356–1363. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2009.02450.x
Kuhl, B. A., Dudukovic, N. M., Kahn, I., & Wagner, A. D. (2007). Decreased demands on cognitive control reveal the neural processing benefits of forgetting. Nature Neuroscience, 10(7), 908–914. https://doi.org/10.1038/nn1918
Levy, B. J., & Anderson, M. C. (2008). Individual differences in the suppression of unwanted memories: The executive deficit hypothesis. Acta Psychologica, 127(3), 623–635. https://doi.org/10.1016/j.actpsy.2007.12.004
Luria, A. R. (1968). The mind of a mnemonist: A little book about a vast memory. Harvard University Press.
Ovalle-Fresa, R., Ankner, S., & Rothen, N. (2021). Enhanced perception and memory: Insights from synesthesia and expertise. Cortex, 140, 14–25. https://doi.org/10.1016/j.cortex.2021.01.024
Parker, E. S., Cahill, L., & McGaugh, J. L. (2006). A case of unusual autobiographical remembering. Neurocase, 12(1), 35–49. https://doi.org/10.1080/13554790500473680
Román, P., Soriano, M. F., Gómez-Ariza, C. J., & Bajo, M. T. (2009). Retrieval-Induced Forgetting and Executive Control. Psychological Science, 20(9), 1053–1058. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2009.02415.x
Rothen, N., Meier, B., & Ward, J. (2012). Enhanced memory ability: Insights from synaesthesia. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 36(8), 1952–1963. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2012.05.004
Smith, S. M., & Moynan, S. C. (2008). Forgetting and Recovering the Unforgettable. Psychological Science, 19(5), 462–468. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2008.02110.x
Tulving, E. (1974). Cue-Dependent Forgetting: When we forget something we once knew, it does not necessarily mean that the memory trace has been lost; it may only be inaccessible. American Scientist, 62(1), 74–82. https://www.jstor.org/stable/27844717
Underwood, B. J. (1957). Interference and forgetting. Psychological Review, 64, 49–60. https://doi.org/10.1037/h0044616
Ward, J. (2020). The student’s guide to cognitive neuroscience (Fourth edition). Routledge, Taylor & Francis Group.
Wheeler, M. A. (1995). Improvement in recall over time without repeated testing: Spontaneous recovery revisited. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 21, 173–184. https://doi.org/10.1037/0278-7393.21.1.173

nicolas.rothen@fernuni.ch

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